12.02.2012 Die Kunst des Nehmens

Kabarettistisches zwischen Weltpolitik und Heimatkunde

Emmerthal (amg). Man nehme… Politiker natürlich, was denn sonst. Die allein sorgen doch mit Worten, Taten und Macken tagtäglich dafür, dass der Kabarettist nicht verhungert. Nur ist das Frank Lüdecke offensichtlich nicht genug. Gewiss, aus dem Vorrat von 2011 – kalendarisch zwar vorbei, das eigentliche Haltbarkeitsdatum aber nicht – kann der Kabarettist auch im neuen Jahr noch so einiges servieren: 2011, ein tolles Jahr für Kabarettisten. Zum Schluss hat es noch mal richtig „Fard“ aufgenommen, fand Lüdecke. In der fast ausverkauften Emmerthaler Kultur(n)halle schöpfte er aus dem Vollen, von der Bundes- über die Weltpolitik, Wirtschaft und Gesellschaft bis zu den Landeiern aus „Kirchhosen“.

 Eine „Lehrstunde“, unter anderem in Sachen lokale Kultur und Heimatkunde, sollte am Ende der Vorstellung übrigens der Künstler selbst erhalten. Beim Plaudern am Stehtisch mit den Gästen Doris und Friedrich Meyer aus Hehlen, erfuhr Lüdecke nicht nur den korrekten Namen des Ortes, wo Lüdecke zufolge sogar die Sperrmüllabfuhr unter „Veranstaltung heute“ läuft. Dass es in Berlin Wahlen gegeben habe, das sei doch wohl auch in Kirchhosen angekommen?, hatte der Kabarettist vorsichtig in die Runde gefragt. Auf jedes Foppen und Necken reagierte das Publikum mit Humor und mit Applaus. Und Lüdecke mit passenden Liedern zu seinem satirischen Auftritt: „Wenn die Hoffnung is far away, denk an die, denen es noch schlechter geht… FDP…“

 Dass Ereignisse der letzten Monate – darunter nicht nur Wulff & Co., Finanzkrise und die Sache mit Guttenberg und dem geistigen Eigentum – vom faden Beigeschmack leidiger Dauerthemen verschont blieben, lag vor allem daran, dass Lüdecke nicht nur Politisches, sondern auch allgemeine Empfindlichkeiten in der Gesellschaft ansprach: mit Wortwitz, klug, böser und kritisch-tiefgründiger Ironie und Humor jenseits jeder Lächerlichkeit und Plattheit. Dazu, neben dem mimischen Spiel, stichelnder Gesang und Gitarrenspiel, und somit auch die weniger bekannten Seiten des erfolgreichen Kabarettisten, den das Publikum aus der Satire-Sendung „Scheibenwischer“ und dem Nachfolgeformat „Satire Gipfel“ kennt.

 „Die Kunst des Nehmens“, so der Titel seines Programmes – Lüdecke betrachtete die Angelegenheit satirisch, aus neurowissenschaftlicher Sicht. Es gebe immer weniger Leute von der Sorte einer richtig fiesen Sau, obwohl das Phänomen der Selbstbedienung doch seine Vorzüge habe. Perfekt, sein Programm, wenn obendrein ein Telefonat mit einer Kulturbeauftragten zufällig zu einem guten Rezept für einen unterhaltsamen Abend beiträgt: Hurra, er würde in Emmerthal spielen! Ein Traum eines jeden Kabarettisten! In die Schweiz käme er doch gerne, sagte Frank Lüdecke zu den Gästen, kaum dass er die Bühne betreten hatte.

 Kein Witz, wirklich wahr – und doch ein guter Gag. Das habe Lüdecke allen Ernstes am Telefon gesagt, als sie mit ihm wegen des Engagements sprach, verriet Emmerthals Kulturbeauftragte Andrea Gerstenberger in der Pause. Klar, wer keinen blassen Schimmer davon hat, wo dieses Emmerthal liegt, dem bohrt sich unweigerlich und intuitiv der Emmentaler in den Kopf …

 In der wohl allerbesten Erinnerung dürfte der Kabarettabend im Emmerthaler Kulturprogramm jedoch in den Köpfen der meisten Besucher geblieben sein: Auf ihren Eindruck angesprochen, gaben die Gäste durchweg positive Meinungen wider: „Kabarett auf hohem Niveau. Lüdecke habe ich in Berlin gesehen, ihn jetzt bei uns zu haben, ist schon etwas Besonderes“, meinte nicht nur Ursula Sartor aus Hameln.

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