Kirchohsen

 

Neugierig und auch skeptisch fuhr ich zu meinem ersten Besuch nach Kirchohsen. 16 von den 17 ehemals selbständigen Dörfern der Gemeinde Emmerthal, die im Rahmen der Neugliederung 1972 entstand, hatte ich bereits besucht und hier beschrieben. Aber würde ich im jetzigen Emmerthal das Dorf Kirchohsen überhaupt noch wiederfinden?

 Kirche_ohsen
1004 wurde der Name Kirchohsen zum ersten Mal urkundlich erwähnt, als König Heinrich II eine Schutzurkunde für das Kloster Fischbeck in Villa Ohsen ausstellte. Die Überlieferung sagt auch: Die Kirche in Kirchohsen sei auf Veranlassung von Kaiser Karl dem Großen erbaut worden. 1939 hatte Kirchohsen 1321 Einwohner, heute sind es 3069. Das Wohn- und Industriegebiet des Ortes liegt von oben gesehen eingezwängt zwischen Bundesstraße 83, Emmer, Weser und dem Atomkraftwerk Grohnde. Darüber hinaus erstreckt sich das Gemeindegebiet bis hinauf zum Kleinen Scharfenberg (242 Meter hoch) und zur Hohen Stolle (292 Meter).


Wohin also zuerst? Natürlich ins schöne Rathaus. Besuch bei Bürgermeister Andreas Grossmann, der auf Anfrage bestätigt, dass der dörfliche Charakter Kirchohsens eigentlich nicht mehr vorhanden sei. „Kirchohsen ist Kernort der Samtgemeinde. Und es gibt kein dörfliches Eigenleben, es sei denn, einer hat den Mut, die vielen Vereine und ihre Mitglieder zu sammeln und für besondere gemeinsame Veranstaltungen zu aktivieren., Beispiel: Die 1000-Jahrfeier 2004!“
Dafür sei aber Kirchohsen noch wirtschaftlich ausbaufähig. 20 Hektar Bauland stünden für Gewerbe noch zur Verfügung. Und als zentrales Einkaufszentrum mit Märkten und Wochenmarkt sowie seniorengerechtem Wohnen, DRK-Betreuung im Pflegestützpunkt am Markt und drei Upmeier-Seniorenheime sei Kirchohsen lebenswert. Die Entwicklung der Gemeinde insgesamt sehe Grossmann positiv, „wenn wir den Anforderungen des demografischen Wandels gerecht werden“.
Demografischer Wandel ist das Stichwort. Hier ist Emmerthal-Kirchohsen in der glücklichen Lage, sehr gut für die ältere Generation versorgt zu sein. Seit 1966 betreut die Upmeier-Seniorenheime GmbH, jetzt in drei Häusern, pflegebedürftige Senioren. Zuerst im „Haus Elise“, das heute 65 konzessionierte Plätze bietet. Seit 1972 wurde die ehemalige Privatklinik Dr. med. Heinrich Upmeier in das Alten-Pflegeheim „Haus Martha“ umgewandelt, das mit 35 konzessionierten Plätzen bis 2012 als Dependance zum Haus Elise betrieben wurde. Ab 2013 wird dieses Haus in zwei Seniorengemeinschaften mit je zwölf Personen umgestaltet. Schon 1977 begann das Unternehmen mit dem „Essen auf Rädern“ für den Großraum Emmerthal. Heute werden täglich 60 Essen ausgefahren.

Marktplatz_Kirchohsen       Senioren_Emmerthal
Seit 2000 wird in der „Wohnresidenz am Markt“ betreutes Seniorenwohnen angeboten. 2010 wurde die Tagespflege Am Markt GmbH gegründet. Und in diesem Jahr wurde das Seniorenheim „Haus Lydia“ mit 50 Plätzen für Demenzkranke eröffnet.
Nun zur jüngeren Generationen: Größter Verein im Ort ist und bleibt sicher auch in Zukunft die Turn- und Sportgemeinschaft Emmerthal von 1910 (TSG). 2010 feierte sie mit ihren 1670 Mitgliedern (hinter VfL und TC Hameln drittgrößter Sportverein im Landkreis) ihr 100-jähriges Bestehen. Acht Sparten bieten den Mitgliedern Sport für alle Altersgruppen: Die drei größten sind Turnen (700), Handball (420) und Fußball (300). Nach der Zukunft des Vereins gefragt antwortet Stephan Kutschera, Vorsitzender und Leiter der Handballsparte: „Unser Verein wächst ständig, Auftrieb gab es besonders durch die neue Sporthalle. Besonders am Herzen liegt uns die Jugendarbeit, Kleinkinder- und Mutter- und Kindturnen!“

Kirchohsen, wenn man es als Dorf betrachtet, unterscheidet sich wesentlich von den anderen 16 Dörfern der Großgemeinde:

LionsGibt es doch hier vier ganz besondere Gemeinschaften, die in Niedersachsen und darüber hinaus die Gemeinde Emmerthal und den Landkreis repräsentieren: Die Historische Interessengemeinschaft Ohsen, die Mittelaltergruppe „Grafschaft Everstein“, Die Lions und die Reservistengemeinschaft Emmerthal.


Die 40 Aktiven der Historischen Interessengemeinschaft treffen sich einmal im Monat im Gemeindehaus. Ihr Vorsitzender Klaus Westphal, Nachfolger des Ehrenvorsitzenden „Witscher und Seemann“ Gerhard Lindhorst, will auch in Zukunft dafür sorgen, dass beim Dorffest, dem Fürstentreffen in Bad Pyrmont, den Niedersachsentagen und anderen überörtlichen Veranstaltungen Emmerthal würdig vertreten wird. Bei der Tausendjahrfeier der Ortschaft gründete sich 2004 die Mittelaltergruppe „Grafschaft Everstein“, sie erforscht seitdem die Eversteiner Geschichte und versucht diese und das Leben im Mittelalter lebendig darzustellen. Immerhin führen die beiden Landkreise Hameln-Pyrmont und Holzminden noch heute den Eversteiner Löwen auf blauem Grund in Wappen, Siegeln und Anschreiben. Michael und Susanne Sczesni sind die beiden Vorreiter der Truppe, wobei ersterer die technische Seele der Ritterschaft ist. In einer „demokratischen Diktatur“ leiten beide die rund 30 aktiven Anhänger der Gemeinschaft, die aus ganz Niedersachsen zusammenkommen.
Die Lions wurden 2004 von Jörg Wortmann in Kirchohsen gegründet, das sogenannte Drum-Corps! Heute spielen in dieser eigenwilligen Kapelle 25 Musikanten, dazu kommen noch 25 passive, aber helfende Mitglieder. In Kirchohsen kann man sie jedes Jahr beim Felgenfest in ihren bunten Uniformen bewundern. Daneben spielen sie bei der Oberweserdampfschifffahrt, den Niedersachsentagen und werden auch zu den verschiedensten Anlässen in Deutschland verpflichtet. Inzwischen haben sie sich einen eigenen Bus zugelegt, ihn für ihre Zwecke umgebaut. „Ist doch wesentlich billiger, als zu mieten!“, meint das Ehepaar, das auch gemeinsam in ihrem Hauskeller das Vereinsheim eingerichtet hat. Ihre Musik stammt aus den USA.
Was ist denn überhaupt ein Drum Corps? Im Gegensatz zu Spielmannszügen sind in ihm nur besondere Blechblasinstrumente sowie Schlaginstrumente erlaubt. Unter anderem eine Tuba, die auf den Schultern getragen werden muss. Verschiedene Trommeln erhöhen den optischen Reiz. Dazu kommt noch die Color-Gaard, die mit Fahnen, Holzgewehren und Kunstsäbeln tanzt, ein eigenwilliges Bild! Diese Emmerthaler Band errang 2009 bei der Europameisterschaft in Rastede eine Bronze- und eine Silbermedaille! Es wurde Rock-, Pop-, Film- und Musicalmusik mit großem Erfolg dargeboten.
Schließlich noch die Reservistenkameradschaft Emmerthal: Sie hat aus Anlass ihres 25-jährigen Bestehens in diesem Jahr eine lesenswerte Broschüre herausgebracht, in der die vielen Aktivitäten der ehemaligen Bundeswehrsoldaten dargestellt werden: Kameradschaftspflege, sicherheitspolitische Vorträge und die Mittlerfunktion zwischen der Bevölkerung und der Bundeswehr. Im Zuge der Festvorbereitung „1000 Jahre Ohsen“ wurde 2003 eine historische Darstellungsgruppe gegründet. Sie stellt das 21. Linien-Infanterieregiment Napoleons von 1906 dar und ist seitdem auf vielen Festumzügen niedersachsenweit vertreten. Die historischen Uniformen wurden selbst geschneidert. Inzwischen hat der Verein 150 Miitglieder, davon treffen sich monatlich etwa 30. Enger Kontakt besteht auch mit den britischen Soldaten in Hameln. Christian Eggert, Vorsitzender der Kameradschaft, erwähnt noch so nebenbei weitere Aktivitäten: Teilnahme an Dorf- und Felgenfesten, am Emmerthaler Weihnachtsmarkt und die Restauration des Grohnder Waldspielplatzes.


Als ich diese vier historischen Vereinigungen nacheinander besucht hatte, bummelte ich über den Markt. Jedem aufmerksamen Besucher fällt dort vor der modernen Wohn- und Geschäftskulisse der sogenannte „Helenenbrunnen“ auf. Die Idee, solch ein Denkmal für den Ort und die Landschaft aufzustellen, stammt von Helene Steinmann. Gab es doch im Urstromtal der Emmer sehr viele Mühlen, die auch vielleicht noch Emmer, das Vorgetreide des Weizens, mit zweikörniger Ähre, gemahlen haben. Jedenfalls suchte und fand Helene Steinmann einen Künstler und Bildhauer in Aachen, Bonifatius Stirnberg, der Entwürfe vorlegte, die auch gleich den damaligen Bürgermeister Karl Heißmeyer begeisterten. Gemeinsam wurden Bittbriefe um Spenden aufgesetzt, Kreissparkasse und Volksbank beteiligten sich zwar großzügig, aber viel musste doch noch erbettelt oder selbst finanziert werden, bis endlich die 120 000 Euro zusammen waren. 2000 konnte mit dem Bau des Brunnens begonnen werden und er wurde am 16. November 2001 in Anwesenheit des Künstlers und vieler Emmerthaler Einwohner feierlich eingeweiht.
Nun zur Freiwilligen Feuerwehr Kirchohsen. Sie ist besonders wegen ihrer Doppelfunktion erwähnenswert. Ortsbrandmeister Thomas Jordan ist so „nebenbei“ noch Chef der Gemeindekläranlage mit fünf Mitarbeitern und einem Azubi. 45 Aktive, elf in der Altersgruppe und 130 Förderer, bemühen sich um den Brandschutz. Dazu kommen 22 in der Jugendfeuerwehr, 15 in der Kindergruppe. In der Feuerwehrtechnischen Zentrale des Landkreises Hameln-Pyrmont (FTZ) stehen der Einsatz-Leitwagen ELW 1 und die beiden Tanklöschfahrzeuge TFL 16 und LF 16 einsatzbereit. Außerdem wurde an der Reherstraße 15 das Feuerwehrmuseum des Landkreises vergrößert, um das Brandschutzwesen im Wandel der Zeiten noch deutlicher zeigen zu können.
In der Landwirtschaft des Ortes arbeiten noch fünf Betriebe: Falke, Flohr, Uekermann (mit Viehwirtschaft) Leppel und Schlie. Vorwiegend werden Zuckerrüben, Weizen, Raps und Biomais angebaut.
Ich bin losgefahren, um ein kleines, gemütliches Kirchohsen zu finden. Ich bin wiedergekommen und habe ein buntes, lebendiges Emmerthal entdeckt!

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Allersheimer

 

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