Börry

„Das Neue erleben und das Alte bewahren“

Ein Beitrag von Wilfried "Fiffi" Voss

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Es ist ein anspruchsvoller Leitsatz, den sich die Dorfgemeinschaft Börry 2004 anlässlich der 1000-Jahrfeier aufgestellt hatte: „Das Neue erleben und das Alte bewahren“. Nach einigen Besuchen in der „Ilsetal-Metropole“ bin ich überzeugt, dass die meisten Dorfbewohner nach diesem Grundsatz leben und sich dort sehr wohlfühlen.  Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus 1004: Barigi, dieser Name verändert sich 1237 in Borige, 1382 Borie, 1689 bis 1794 Börrie, danach endgültig in Börry. Die Bedeutung von bar, dann o nach ä umlautend, ist Wasser, also ist Börry der Ort am Wasser.  1939 hatte Börry 607 Einwohner, 1946 waren es 1299. Heute leben 545 Menschen in diesem schönen Dorf.

Mittendurch fließt der Ilsebach, augenblicklich nur ein Rinnsal, der aber bei Hochwasser schon Schaden angerichtet hat und auch noch anrichten kann! Die vielen gepflegten Fachwerkhäuser rechts und links des Baches sind eine Augenweide. Und was selten ist für ein Dorf dieser Größe: Börry hat zwei Kirchen – in Oberbörry und in Niederbörry.  „Willkommen im Museumsdorf Börry“ – so werden Gäste auf mehreren Holztafeln begrüßt. In diesem Rahmen über das bekannte, großartige „Museum für Landtechnik und Landarbeit“ zu berichten, hieße „Eulen nach Athen tragen“. Es ist in ganz Niedersachsen bekannt, die dortigen Veranstaltungen werden von der Dorfgemeinschaft mit aller Sorgfalt vorbereitet, so auch wieder das diesjährige Erntedankfest am 30. September.

Boerry_Fachwerk  Boerry_Garten

Das Vereinsleben floriert: Sieben Vereine bieten Jugendlichen bis hin zu den Senioren ein buntes Betätigungsfeld. Da gibt es die berühmte Jagdhornbläsergruppe Hameln-Pyrmont, bis heute 19 Mal Deutscher Meister, zusammen in den beiden Gruppen A und G (A = kleine Signalhörner; G = gemischte Gruppe: Signal- und Parforcehörner) auch noch 29 Mal Niedersachsenmeister! „Geübt wird im Bläserheim ,Zeddies’, aber auch im Wald – wegen des Klanges“, sagt der Börryer Landwirt Friedhelm Blickwedel, Übungsleiter der Jagdhornbläser. Die Kameradschaft und die Pflege jagdlicher Tradition seien die Stärke der Gruppe.  Der größte Verein im Ort ist der Sportclub (SC) Börry mit 510 Mitgliedern, viele von ihnen aus dem ganzen Ilsetal und weit darüber hinaus. Vorsitzender Albrecht Hörning zählt stolz die Sportarten auf: „Turnen, Fußball, Tennis, Tischtennis, Schießen, Badminton, Boxen.“ Vor allem die Turnsparte ist bunt gemischt – Krabbelgruppe, Mutter- und Kind-Turnen, Frauenturnen, Seniorenturnen… Und welcher vergleichbar große Verein bietet eigentlich sonst Boxen an? Trainiert wird in der Schulsporthalle Ilsetal und auf dem vereinseigenen Sportgelände mit Fußball- und Tennisplätzen. Für die Kinder und Jugendlichen wurde sogar ein Sportlehrer verpflichtet.  Ein tolles Programm bietet auch der DRK-Ortsverein Börry. Bis April 2013 ist bereits vorgeplant. Die beiden Vorsitzenden Erika Göhmann (Esperde) und Hannelore Hinrichs (Börry) bieten ihren 127 Mitgliedern elf Veranstaltungen. Vorrangig ist und bleibt aber wie bisher die Seniorenbetreuung in Börry und einigen Nachbardörfern. So nebenbei hat das DRK noch eine Theatergruppe, für die noch weitere Akteure gesucht werden.  Landarzt Dr. med. Andreas Liebner, Dr. med. Heike Hörning (Homöopathie und Naturheilkunde), Frank Lehwald (Physiotherapie) und Simone Lehwald (Hebamme) sorgen für die ausreichende Gesundheitsversorgung im Dorf. Heike Hörning, 2004 federführend für die Dorfchronik zur 1000-Jahrfeier, betreut auch die 112 Landfrauen aus den sieben Ilsetaldörfern. Monatlich werden interessante Vorträge angeboten, in denen auch intensiv über das Spannungsfeld zwischen alten und neuen Strukturen des dörflichen Lebens gesprochen wird. Die sechs Windräder auf dem Kleinen Berg (152 Meter) drehen sich munter, als ich mich mit Helmut Ellermann treffe, Ortsbürgermeister von 1996 bis 2001 und einer der Initiatoren für den „Bürgerwindpark Börry“. Der wurde den Bürgern nicht „übergestülpt“, sondern sie wurden „mitgenommen“! 76 Kommanditisten am Anfang, jetzt 71, können sich über die Produktion von 57,6 Millionen Kilowattstunden freuen. Das entspricht einem Strombedarf für rund 1500 Vier-Personen-Haushalte.  Als ich Landwirt Justus Strüver frage, was Börry für ihn bedeutet, und zwar in einem Satz, da sagt er: „Mein Leben!“ – Es gibt noch sechs aktive Landwirte im Dorf. Sie bewirtschaften rund 1038 Hektar, davon 730 unterm Pflug (Rüben, Weizen, Mais und Raps). Daneben existiert eine Forstbetriebsgemeinschaft, die 250 Hektar Wald, vorwiegend Buche, betreut.  Sicher sind viele auswärtige Autofahrer überrascht, wenn sie auf der Kreisstraße 23 in Richtung Frenke fahren. Hinter dem Museum blicken sie auf eine Gewächshausfläche von 35 000 Quadratmetern und dahinter auf eine gärtnerische Freilandfläche von 15 000 Quadratmetern – das ist die Gärtnerei Koch. Agraringenieurin Claudia Koch nimmt sich die Zeit, mich durch die Großgärtnerei zu führen. Beeindruckend die Aussage über ihren Vater Jürgen Koch, nach ihren Worten „die Quelle der technischen Weisheit“ in diesem Riesenunternehmen. Mit modernster Technik werden hier Frühjahrsblüher, Beet- und Balkonpflanzen, Stauden und viele andere Pflanzen gezogen nach dem Motto: Hier im Betrieb sollen nicht die Mitarbeiter zu den Blumen, sondern die Blumen zu den Mitarbeitern kommen! Also hochfeine, ausgefeilte Technik bei der täglichen Arbeit.  Während die Agraringenieurin den technischen Betrieb im Sinne ihres Vaters führt, kümmert sich ihr Bruder Thomas, Gärtnermeister, um den Verkauf, der sich von Berlin bis Nordrhein-Westfalen ausgedehnt hat. „Wir machen vom Steckling bis zur Blühware alles selber“, meint die detailverliebte, künstlerisch und technisch versierte Agraringenieurin selbstbewusst und stolz. Personell gut besetzt ist die Feuerwehr des Dorfes: 36 Aktive, 19 in der Altersabteilung und 27 in der Jugendfeuerwehr. Mit einem TLF-Fahrzeug (2600 Liter im Wassertank) und einem LF8-Lösch-Gruppenfahrzeug für die Mannschaft ist die Ortswehr gut ausgestattet. Zweimal im Monat, jeden 1. und 3. Dienstag, wird geübt. Es gibt Überlegungen, eine Kinderfeuerwehr zu gründen.  

Boerry_Kirche         Boerry_Fachwerk

In der Kirche gibt es augenblicklich eine gewisse Vakanz: Leider hat sich aus Gesundheitsgründen die beliebte Pastorin Reineke in eine andere Gemeinde versetzen lassen. Dieser Fortgang wird von vielen bedauert. Kirchenvorstandsmitglied Doris Feuerhake zeigt mir die Kirche in Oberbörry trotzdem und berichtet, dass es von 1665 bis 1944 in Börry sogar einen Superintendenten gab. Nach dem Fortgang der Pastorin übernahm Lektor Albrecht aus Esperde den sonntäglichen Gottesdienst, den Konfirmandenunterricht Pastor Richter aus Hameln/Hämelschenburg. Das Miteinander im Kirchenvorstand funktioniere wie gewohnt, meint Doris Feuerhake.  Auch der Chor Börry von 1874 ist „eine Gemeinschaft mit Herz“, sagt mir der Vorsitzende Friedrich Bode. Chorleiter ist Wolfgang Beckert, beide seit 1971 im Amt. 48 Sängerinnen und Sänger bieten geistliche und weltliche Stücke alter Meister ebenso wie moderne Chorsätze und Folklore aus aller Welt. In ihrem Flugblatt „Warum musizieren wir?“ gefällt mir die Antwort, sie stammt von den Indianern: „Sprich – und du bist mein Mitmensch! / Singe – und wir sind Bruder und Schwester!“  Die Drachenfluggruppe Börry Weserbergland e.V. hat sich Börry nicht ohne Grund als Stammsitz ausgesucht. Die Südhanglage am Hellberg und Walterberg oberhalb von Börry ist ideal für das Drachen- und Gleitschirmfliegen. „Das ist in ganz Norddeutschland bis hin nach Berlin bekannt“, meint ein begeisterter Drachenflieger aus Esperde, Frank Borchers, und schwärmt: „Mein Motor ist hier das Wetter.“ Die 30 Mitglieder dieses Vereins haben die Gaststätte Zeddies als Vereinslokal gewählt. Dort wurde der Verein auch in den siebziger Jahren gegründet.  Zum Schluss: Der 24. Landeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ hat Börry gewaltig in Bewegung gebracht. Ich durfte die Generalprobe miterleben. Ortsbürgermeister Rolf Keller hat seine Mitbürger wirklich engagiert auf den Besuch der Bewertungskommission aus Hannover vorbereitet und das ganze Dorf hat mitgezogen. – Jedenfalls halte ich Börry beide Daumen!

 

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