Voremberg

 

 

Von Wilfried „Fiffi“ Voss

 

Als ich mir vorgenommen hatte, die beiden kleinen Dörfer Voremberg und Völkerhausen zu besuchen, kamen mir dann doch Bedenken. „Was kann man in diesen kleinen Nestern schon Großartiges erwarten“, dachte ich etwas großspurig. Fuhr dann doch neugierig über Hagenohsen, am Bückeberg und Hagenohsener Vorwerk vorbei, durch die zu jeder Jahreszeit farbenprächtige, lange Birkenallee Richtung Völkerhausen. Dieses kleine Dörfchen versteckt sich wie schutzsuchend in einer Senke zwischen Hasselberg, Gretchenbrink, dem oberen Hellberg und dem Katzberg. Heller Rauch aus Schornsteinen verriet mir aber: „Hier leben doch Menschen…“

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Dann, ein Kilometer weiter, die Einfahrt nach Voremberg. Gleich beeindruckt von großen landwirtschaftlichen Gebäuden am Ortseingang, fährt man ins Tal, durch das der Hastebach plätschert. Der gegenüberliegende, steile Hang ist eng bis hoch hinauf bebaut. Unten im „Loche“, wie mir schmunzelnd ein „Ureinwohner“ erzählte, gibt es nur noch wenige alte Fachwerkhäuser, die die Kriegswirren überstanden haben. Die Kirche „Zum guten Hirten“ ließ Staats von Münchhausen, der damalige Pfandinhaber von Grohnde, 1595 erbauen. Gottesdienst ist hier alle 14 Tage.

Vorembergs erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1247. Damals verlegten die Edelherren von Plesse ein Zisterzienser-Nonnenkloster von Voremberg nach Höckelheim. Das kleine Dorf Voremberg hat im Laufe der Jahrhunderte viel über sich ergehen lassen müssen. Schon im Dreißigjährigen Krieg brannten über die Hälfte aller Häuser nieder. Dasselbe geschah dann auch im Siebenjährigen Krieg; die meisten Häuser wurden ausgeplündert oder ganz zerstört. Vo-remberg war unmittelbarer Kriegsschauplatz. Von der Obensburg bis hinab ins Dorf erstreckte sich das entscheidende Kampfgeschehen. Daran erinnert noch heute der „Kanonenweg“ hinauf zur Obensburg.

Am Ende des 2. Weltkriegs feuerten amerikanische Panzer mit Brandmunition in das Dorf, wo sich einige wenige deutsche Soldaten am Dorfrand verschanzt hatten. An alle diese Erreignisse und noch viel mehr Dorfgeschichte erinnerte die 750-Jahrfeier des Dorfes im Jahre 1997. Im gleichen Jahr feierte auch der DRK-Ortsverein Voremberg-Völkerhausen sein 50-jähriges Bestehen. Zu diesem Fest hatte Einwohner Friedrich Ueckermann eine Chronik mit vielen Bildern und Versen zusammengestellt.

Der erst 26 Jahre alte Ortsbrandmeister Tobias Meyer kann durchaus stolz sein: Immerhin zählt seine „Wehr“ 32 Aktive, 20 Männer in der Altersabteilung und 51 Förderer. Stolz präsentierte er mir bei meinem Besuch in Voremberg vor dem Feuerwehrhaus das erst fünf Jahre alte, hochmoderne TSF-W Einsatzfahrzeug. Und auch für den Nachwuchs wird hier gesorgt: Fünf Jugendliche aus Voremberg und drei aus Völkerhausen werden augenblicklich in Hagenohsen ausgebildet. Das Osterfeuer und der 1.-Mai-Frühschoppen werden von der Feuerwehr für das ganze Dorf gestaltet. Zwei Mal im Jahr treffen sich in Voremberg auch viele Motorradfreunde; dann donnern funkelnde Prachtmaschinen durch das kleine Dorf. Die Aktivitäten des DRK-Ortsverein – immerhin auch 58 Mitglieder stark – unter der Leitung von Cornelia Meyer sind neben den gesundheitlichen Aufgaben Halbtagsfahrten, Weihnachtsfeiern, Kaffeenachmittage und Kegeln.

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Der einzige landwirtschaftliche Vollerwerbsbetrieb hat sich neben der Landwirtschaft auf die Hähnchenmast und die Pferdezucht spezialisiert. Landwirt Wilhelm Siekmann hält neben den 30000 Hähnchen, die in den Ställen auf 2,4 Kilo gemästet werden, außerdem auch rund 20 edle Pferde auf seiner Anlage. Es sind Hannoveraner. Fünf bis sechs Zuchtstuten sorgen für den Nachwuchs in den Boxen. Die älteste Tochter der Familie Siekmann, Helen, tritt bereits sehr erfolgreich in die Fußstapfen ihres Vaters und wurde Doppel-Landesmeisterin bei den Pony-Jungzüchtern; ihre elfjährige Schwester Amelie Bezirksmeisterin.

In Siekmanns Voremberger Großbetrieb findet man überdies auch einen der seltenen Strohgasöfen, der mit dem eigenen angerauten Stroh den gesamten landwirtschaftlichen Betrieb und zusätzlich noch sechs Wohnhäuser mit ausreichend Wärme versorgt.

Interessant war auch mein Besuch beim Senior-Landwirt Horst-Ludwig Klemme, dessen beide Söhne im Nebenerwerb immerhin 85 Hektar bearbeiten. Er zeigte mir stolz die Ahnentafel der Familie und kann nachweisen, dass die Familie von Hugenotten abstammt, von denen einer 1689 in Voremberg einheiratete. So als Hobby hat sich die Familie Klemme vier bayrische Mutterkühe angeschafft, die mit ihren drei Kälbern munter zwischen Voremberg und Völkerhausen weiden.

In Vorembergs Waldbauernladen hörte ich vom Forstfachmann Cord Mönnig, Voremberg sei einer der schönsten Orte im Weserbergland: „Wir liegen den ganzen Tag vor der Sonne!“ Neben dem Bauernladen mit vielen urigen Artikeln, seiner Pension für Feriengäste, ist er mit seinen acht Mitarbeitern der Fachmann für Baumfällungen (auch komplizierter Art) sowie für Garten-, Park und Waldarbeiten.

Zuletzt gab es für mich noch eine ganz besondere Überraschung: Walter Dorn, 76 Jahre alt und ehemaliger Schriftsetzer bei CW Niemeyer in Hameln, schreibt mit sicherer Hand Urkunden, Gedichte von Rilke, Sinnsprüche in den schönsten, alten Schriften Unziale, Karolingische Minuskel oder Gotisch. Damit nicht genug der Kunst, denn Dorns Nachbar, Uwe Burgdorf, eigentlich gelernter Ergo-Therapeut, hat vor fünf Jahren seinen erlernten Beruf endgültig aufgegeben und sich getreu dem Motto „Besser ist können und nicht zu müssen“ als Bildhauer am Stein selbstständig gemacht. Der Autodidakt hat schon mehrere Male in Bad Pyrmont ausgestellt und auch für das Staatsbad gearbeitet. Es lohnt sich, seine Arbeiten im Garten und im kleinen Atelier anzuschauen.

Am Ende meiner verschiedenen Besuche in dem „kleinen Nest“ habe ich wieder einmal festgestellt: „Auch im allerkleinsten Nest kann durchaus etwas Wunderbares ausgebrütet werden!“

 

 

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Allersheimer

 

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