Lüntorf

 

 

Sumpfiges Walddorf auf der Höhe


Ein Portrait von Wilfried „Fiffi“ Voss

 

            

„Was willst du denn in Lüntorf?“ fragte mich ein Freund spöttisch, als ich ihm erzählte, ich wolle dies abgelegene Dörfchen aufsuchen. „Das liegt doch jwd = janz weit draußen“, schob er noch hinterher. – Habe mich aber nicht beirren lassen und gleich auf der Kreiskarte informiert. Tatsächlich, Lüntorf ist das südlichste Dorf der Gemeinde Emmerthal und liegt dicht an der Grenze zwischen den beiden Landkreisen Hameln-Pyrmont und Holzminden.

 

Von Mönkeberg, Uchtelberg, Scharfenberg und der Grohnder Forst umgeben lehnt sich Lüntorf an den Hang zur Ottensteiner Hochebene hinauf. Kreuz und quer stehen die älteren Häuser dicht im Altdorf zusammen, verbunden durch enge Straßen und Gassen. Gepflegte Fachwerkhäuser hier und moderne, formschöne Neubauten an den jüngeren Ausfallstraßen laden den aufmerksamen Besucher zum Verweilen ein.

Der Ortsname entstand aus dem altdeutschen Wort Luhen oder Lühen und bedeutet „sumpfiges Walddorf“. Das Urdorf soll in einem sumpfigen Waldgebiet Richtung Grohnde gelegen haben. Dort wurden noch Ziegel- und Mauerreste gefunden. Andere Quellen sehen einen Hundorppe oder Lundorf als Gründer des Dorfes.

            

1349 wird Lüntorf erstmals urkundlich im Amt Grohnde erwähnt. Der Amtmann von Grohnde, Statius von Münchhausen, ließ die den Ort dominierende Kirche kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg 1618 erbauen. Altar, Taufstein und Kanzel stammen aus dem 17. Jahrhundert. 1812 wurde das Kirchenschiff um den Altarraum verlängert.

Der Flügelaltar mit seinen auf Eichenholz gemalten Altarbildern ist um 1520 entstanden. Der Legende nach soll ihn ein reisender, mittelloser Maler bemalt haben, als Dank dafür, dass er im Dorf versorgt wurde. Die wertvolle Furtwängler-Orgel von 1879 steht nach ihrer Renovierung seit 2007 unter Denkmalschutz.

Dicht hinter dem Haupteingang des Lüntorfer Gotteshauses wurde eine Pilgerecke eingerichtet, Lüntorf liegt am Pilgerweg Loccum-Volkenroda. Bäckermeister Siegfried Kratsch hat die Führungen für diese Pilger übernommen. Im vergangenen Jahr konnte er 220 Pilger durch „seine“ Kirche führen. Auch heute noch läutet in Lüntorf um 6, 12 und 18 Uhr eine Betglocke jeweils neunmal – das entspricht ungefähr der Länge eines Vaterunsers.

1928 wurde das kleine Bauerndorf Deitlevsen eingemeindet. 1939 hatte dann Lüntorf 442, 1946 sogar 841, 1972 wieder nur 533 und aktuell 506 Einwohner.

Überrascht bin ich dann doch bei meinem ersten Besuch in Lüntorf, als ich eine ältere Einwohnerin nach dem Weg frage. Sie zeigt ihn mir und sagt dann noch: „Ja, hier ist nicht viel los, aber…“, und dabei leuchten ihre Augen, „…wir sind hier gern zu Hause!“Von wegen nicht viel los! An erster Stelle sorgt die 1934 gegründete Freiwillige Feuerwehr, geführt von Ortsbrandmeister Ulrich Vogt, mit beachtlichen 38 Aktiven und 70 Förderern für den notwendigen Brandschutz. Der Turn- und Sportverein mit seinen 200 Mitgliedern (!) ist der größte im Ort. Während die Frauen Gymnastik und Pilates bevorzugen, spielen die Männer natürlich Fußball. Die 1. Herrenmannschaft spielt in der 2. Kreisklasse und, etwas ganz Besonderes: Sie wird von ihrem mitspielenden Pastor betreut.

            

Der Gemischte Chor hat zwar nur 40 Mitglieder, aber 17 stimmgewaltige Damen und Herren üben fleißig jede Woche, Klassik und Moderne stehen auf dem Programm. Der 1. Vorsitzende Harry Matuscak ist besonders stolz auf seine „musikalische Koryphäe“, den Chorleiter Reinhold Menke. Auch der Schützenverein Lüntorf ist aktiv, das Königsschießen am 1. Mai und das Vergleichsschießen der örtlichen Vereine gehören zum jährlichen Programm. Schließlich noch der DRK-Ortsverein, der hervorgegangen ist aus dem Vaterländischen Frauenverein. Mit seinen Besuchsdiensten und üblichen Aufgaben ist das DRK präsent.

Und was wäre Lüntorf doch ohne den Karneval! 1963 wurde der Carnevalsverein gegründet. Alle sind dabei, wenn der Elferrat und sein Präsident Friedhelm Harney zur Prunksitzung, in diesem Jahr am Sonnabend, 5. März, in die Festhalle des Dorfgemeinschaftszentrums einladen. Das dreistündige Programm wird von allen Vereinen und vielen Privatleuten „ganz geheim“ vorbereitet. Am Sonntag, 6. März, kommt dann der berühmte Umzug durch das Dorf, traditionell begleitet von der Feuerwehrkapelle Welsede. Im Anschluss daran folgt der Kinderkarneval. Stolz erklärt mir der Präsident: „Für den Nachwuchs ist hier in Lüntorf gesorgt!“ Schmunzelnd erklärt er mir noch die drei Lüntorfer Orientierungshilfen: Oberdorf (= oberhalb der Kirche), Unterdorf (= unterhalb der Kirche) und (Hinterdorf = Ostende oder spöttisch: Da wohnen die Leute, die alles wissen). So nebenbei hat sich der Pferdefreund eine Kutsche angeschafft, sie umgebaut, bespannt sie mit seinen zwei deutschen Reitponys und bietet sie als Hochzeitskutsche an.

Vier landwirtschaftliche Vollerwerbsbetriebe existieren noch in Lüntorf: Ahrens, Hahlbrock, Nagel und Wegner. An einem von diesen, am Ortseingang liegend, kann ich nicht einfach so vorbeifahren. Die großen Getreidesilos am Hügel und der Boxenlaufstall, mit über 50 Kühen besetzt (Holsteiner Friesen), dazu die Nachzucht (auch über 50 Kälber) sind beeindruckend. Altbauer Friedrich Ahrens erklärt mir: „Nur die Bullenkälber werden verkauft!“

Von Willi Dörries, der als 16-Jähriger zu seinem Schulabschluss 1956 eine lesenswerte Dorfchronik geschrieben hat, erfahre ich auch noch einiges über die Forstgenossenschaft: Sie bewirtschaftet 132 Hektar Wald mit 44 Anteilen, Vorsitzender ist Landwirt Friedhelm Nagel. Auch „Selbstständige“ findet man dort oben in Lüntorf: Schlosserei Fricke, Garten- und Baumpflege Henjes, Tischlerei Hense, Kfz-Handel und -Reparatur Dörries, Schau- und Werbegestaltung Dörries-Habenicht.

Außerdem gibt es gerade in Lüntorf einen konstanten Fremdenverkehr, wie mir Friedrich Wilhelm Sander, Vorsitzender des Emmerthaler Verkehrsvereins, stolz berichtet. 13 Vermieter bieten in Lüntorf 18 Ferienwohnungen und ein Heuhotel an. Feriengäste kommen aus den Niederlanden, England, Norwegen und sogar aus Osteuropa, natürlich auch aus Deutschland, um das schöne Weserbergland zu besuchen.

Und dann steht da auch

noch eine Eisenbahn

mitten im Dorf…

Mitten im Dorf staune ich dann noch über das „Lüntorfer Eisenbahn-Denkmal“! Da hat sich der gelernte Dampflokschlosser und spätere Berufsfeuerwehrmann Peter Grützmacher einen Traum erfüllt: Vier Dampfloks hatte er zeitweise in Lüntorf stehen, diese restauriert, getauscht, verkauft und wieder neue besorgt. Die jetzige stammt aus der Maxhütte Sulzbach-Rosenberg, der Personenwaggon vom „Rasenden Roland“ auf Rügen. Sein Wahlspruch lautet: „Nicht Asche sammeln, sondern das Feuer hüten!“ Alters- und gesundheitsbedingt habe er jedoch nun den geordneten Rückzug angetreten, meint er lächelnd. Das war’s von Lüntorf, von dem die alte Dame meinte: Hier ist nicht viel los...!

 

 

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Allersheimer

 

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