Hämelschenburg

 

 

Zu Füßen der Burg liegt ein quirliges Dorf


Ein Portrait von Wilfried „Fiffi“ Voss

            

Im vergangenen Sommer bat mich ein ehemaliger Klassenkamerad um die Vermittlung eines Besuchstermins. Mit Freunden und Familie wollte er das Weserbergland besuchen und das schöne Renaissance-Schloss Hämelschenburg besichtigen. Gefragt, beantwortet. Es kam zu dem Besuch. Die Gruppe wurde von der Schlossherrin Christine von Klencke durch das Schloss-Ensemble geführt. Aus dem Dankschreiben für die Vermittlung hier ein Satz: „Schloss, Dorf und die Landschaft rundherum – ein Traum!“ Stimmt.

 

Von 1588 bis 1613 wurde das Wasserschloss gebaut. Seither ist es ununterbrochen im Besitz der Familie von Klencke. Es prägt zusammen mit der St. Marienkirche (1563), eine der ersten nach der Reformation gebauten evangelischen Kirchen, das saubere, schöne kleine Dorf an der Emmer, zwischen Scharfenberg und Waldaue mit dem „Hünenschloss“ gelegen. Warum dann aber „Hämel“schenburg? Alte, urkundliche Ortsbezeichnungen waren Hemmerschenburg, Hermersen und Hermerschenburg, daraus wurde im Laufe der Zeit Hämelschenburg. Vielleicht war auch die Nähe zu Hameln mit daran Schuld.

            

1939 gab es im Ort 332 Einwohner, 1946 nach den Kriegswirren 647, 1961 nur noch 451. Heute sind es 358. Nicht viel, aber sogar im kleinsten Verein, bei den 11 „Stippern“ des Angelvereins, pulsiert das Leben: Der Vorsitzende Hans-Günter Thulke hatte erst jüngst die Angler mit Damen in das Vereinsheim „Alte Schlossschänke“ zum Aal- und Forellenessen eingeladen. Räuchermeister Hermann Hollas und Gehilfe Horst Heinemann sorgten in der Räucherkammer unten an der Emmer für rauchfrischen Emmerfisch. Die Angler haben aber auch mit ihrer Emmer große Sorgen: Ohne das Aussetzen von Aalen, Äschen und Forellen gäbe es keinen ausreichenden Fischbestand mehr. Weitere Sorgen: Das tote Wasser vom Schiedersee, fehlende Fischtreppen und Kormorane. Drei bis fünf dieser Fischräuber tummeln sich ständig im heimischen Gewässer.

Vorsitzender einer anderen kleinen Vereinigung im Ort, dem Wirtschaftsunternehmen Forstgenossenschaft (29 Mitglieder), ist der letzte Bürgermeister von Hämelschenburg, Bauingenieur Werner Friebe. Seit Januar 1973 bilden die Dörfer Amelgatzen, Welsede und Hämelschenburg in der Einheitsgemeinde Emmerthal die Ortschaft „Amelgatzen“ – 62 Hektar, vorwiegend Buchenwald, werden am Uchtelberg, Gemarkung Welsede, und in der Gemarkung Amelgatzen betreut. Und noch mehr Vereinstätigkeit ist zu bestaunen. So zählt der Posaunenchor mit seinen 17 Bläsern im Jahr fast 100 Einsätze. 1895 wurde er gegründet, 1951 neu gegründet von Pastor Adolf Kleine. Er war auch Chorleiter bis 1981, von 1981 bis 2009 Wolfgang Bohle, danach bis heute dessen Sohn Torsten. Neben traditioneller Kirchenmusik und Musik alter Meister werden auch Unterhaltungsmusik, Märsche und Modernes geboten.

            

Auch die Vorsitzende des DRK-Ortsvereins, Gudrun Klemme, berichtet von vielen Aktivitäten. Es besteht ein Tanzkreis, geleitet von Heidi Ziegler, und ein Singkreis mit Elfriede Ottolien, beide Kreise üben wöchentlich im Küsterhaus, treten bei Feiern, Jubiläen, in Altenheimen und bei vielen anderen Gelegenheiten im Dorf auf. Daneben wird selbstverständlich auf die Erledigung der Grundaufgaben des DRK geachtet. Immerhin gibt es 101 Mitglieder, darunter sogar 15 Männer! Und dann ist da auch noch der junge Ortsbrandmeister Stefan Hollas. Er kann sich auf seine 23 Aktiven, 15 Männer in der Altersgruppe und 28 Förderer verlassen. Zwei Jugendliche werden als Nachwuchs in Kirchohsen ausgebildet.

Größter Verein im Ort ist aber der VTSV (Vereinigter Turn- und Sportverein) mit seinen 350 Mitgliedern. Er besteht seit 1920. Die größte Leistung dieses Vereins war und bleibt das mit eigenen Mitteln errichtete Vereinsheim mit Sporthalle, Vereinsklause und Hausmeister-Einliegerwohnung, dazu noch ein herrlich gelegener Kleinfeld-Sportplatz vor dem Haus. Eine bewundernswerte Gemeinschaftsleistung. In dieser Sporthalle treffen sich nicht nur verschiedene Sparten des Vereins, auch andere Gruppen der Dorfgemeinschaft und Familien feiern dort. Leider ist es mit Handball und dem Geräteturnen, früher Hochburgen des Vereins, schon lange vorbei. Die ältere Generation spielt noch Prellball, es bleiben die verschiedenen Gymnastikgruppen, Turnen mit den Jüngsten, Volleyball, Tanzen und Yoga sowie Schwimmen in Emmerthal. Wanderwart Friedel Meyer tritt mit seinen Getreuen jeden Monat zehn bis zwölf Kilometer unter die Füße. Bei der Abnahme der Sportabzeichen war der VTSV lange Jahre im Sportkreis führend, auch im letzten Jahr sorgte der „Motor“ Adelheid Tegtmeier dafür, dass immerhin ein dritter Platz auf Kreisebene errungen wurde.

An der Hämelschenburger Straße, unterhalb der Ortsdurchfahrt L431, konzentriert sich das Geschäfts- und Handwerkerleben: Sanitär und Heizung Differt (vormals Henjes), Tischlerei Bleibaum, Raum und Objekt Schomburg, Elektro-Söffge, Schuh-Bar Lönneker, oben an der Landesstraße noch die Tischlerei Hilker – Hämelschenburg ist ein kleiner Wirtschaftsstandort. Gegenüber vom Schloss treffe ich mich mit dem Schäfer Martin Struckmeyer, Besitzer einer Schafherde mit 300 Schwarzkopfschafen, davon 20 Milchschafe. Vater, Sohn Sebastian und Tochter Christin fahren mich zu einer Weide zwischen Eich-und Baßberg. „Bei der Schafschur im Frühling schaffen Vater und ich spielend 70 bis 100 Schafe pro Tag“, so Sebastian.Im romantischen Gärtnerhaus des Schlosses hat Birte Koch die Kunst des Seifensiedens neu belebt. „Gesundheit kommt über die Haut“ ist ihr Motto seit zwölf Jahren. Ihr Mann, Gärtner, versorgt sie ständig mit frischen Kräutern für ihre Produkte. Sonntags ist das alte, romantische Gartenhäuschen geöffnet. Außerdem hat sie in Bad Pyrmont nachmittags an der Heiligenangerstraße ihren kleinen Laden geöffnet. „So ganz nebenbei“, lächelt sie, besuche ich noch Märkte und Ausstellungen. Wie sie, Mutter von drei Kindern, das alles unter einen Hut bringt? „Ich habe einen tollen Mann!“

In der alten Wassermühle von 1607 hat sich Bernadeta Klüter auf ein „Mal-Abenteuer“ eingelassen. Die aus Polen stammende Malerin zeigt in ihrem großen Ausstellungsraum und Atelier ihre Aquarelle, Acrylbilder, Zeichnungen und Seidenmalerei. In der Umgebung mit Schloss, Kirche, Dorf und Landschaft in der Emmeraue findet sie ihre Motive. Dicht daneben bieten Sabine und Horst-Udo Cleve ihr Bauernhofspielzeug, Krippenfiguren und viele andere Holzkreationen an. Das Verkaufsgeheimnis dieser beiden: Ihr Humor! Diese „Dreiergruppe“ unten an der Emmer ist eine passende Ergänzung zur eigentlich selbstverständlichen Schlossführung.

Lippold von Klencke macht mich dann auf das ehemalige Pfarrhaus aufmerksam. Dort ist seit Mai 2009 die „Villa Kunterbunt“ eingezogen. Es ist neben Eichenborn und Reher das dritte Kinderhaus im Landkreis und eine große Hilfe für verhaltens- und beziehungsgestörte, auch behinderte Kinder und Jugendliche. Besser konnte dieses Haus, in dem früher Pastoren wohnten, nicht genutzt werden. Geeignete, helle Räume, Spielplätze hinter dem Haus bis zum Waldrand und ein geschultes Team von Mitarbeitern sorgt dafür, dass diese Kinder, jedes nach seinen Möglichkeiten, in die Gesellschaft eingegliedert werden.

Nach dem Motto: „Die Kirche muss im Dorf bleiben!“ ist es der Hämelschenburger Dorfgemeinschaft gelungen, einen Pfarrverein zu gründen, der inzwischen 215 Mitglieder hat. Damit gelang es, die Pfarrstelle wieder zu besetzen. Zum Vorsitzenden wurde Lippold von Klencke gewählt.

Dies lebendige Dorf mit seinem großartigen historischen Hintergrund vollständig zu beschreiben, würde Bände füllen. Auch das weltbekannte Trakehnergestüt Langels ist eine Geschichte für sich. Wie sagte doch Lippold von Klencke zu mir beim Abschied aus Hämelschenburg: „Um einen Menschen zu erziehen, braucht man ein ganzes Dorf!“ Und ich ergänze: „Um ein ganzes Dorf mit seinen Menschen richtig gut kennenzulernen, braucht man mehr Zeit, als ich hatte!“

 

 

 

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