Hajen

 

 

Hübsches Weserdorf mit Rufer am Ufer

 

Ein Portrait von Wilfried „Fiffi“ Voss

 

            

„Hajen ohne seine Fähre, das geht ja noch, aber ohne die Weser, einfach unvorstellbar“, meint schmunzelnd ein älterer Einwohner zu mir. Recht hat er und ich ergänze nach meinen Besuchen in diesem schönen Weserdorf: „Was wäre die Weser wohl ohne Hajen?“

 

Die enge Verbindung „Dorf mit Fluss“ ist schon beeindruckend: Zehn Parallelstraßen führen von der Thingstraße, der Hauptdurchfahrtstraße, zur Weser hinunter. Seit die Fähre verschwunden ist, hat das „Blaue Wunder an der Weser“, die Brücke zwischen Hehlen und Daspe, deren Funktion mehr als übernommen. Sehr zum Leidwesen mancher Hajener, denn der Verkehr über diese Brücke in Richtung Hameln und zurück ist frühmorgens und nach Feierabend rasant gestiegen. Hinter der Tagesruhe verbergen sich jedoch einige nicht vermutete Aktivitäten, die einen aufmerksamen Besucher sicher überraschen.

Hajen wurde schon 826 nach Christus in einer Schenkungsurkunde erwähnt. Frühere Ortsbezeichnungen waren Haion, Hoygen, Hegen. Die ursprüngliche Deutung dieser Namen: Eine mit Einhegung, Einfriedung versehene Siedlung. 1939 hatte Hajen 530, 1945 durch die Vertriebenen und Flüchtlinge 1030, im Jahre 1961 dann 734 und heute gerade noch 412 Einwohner!

            

Wilfried Freise, Hajener Urgestein und Hajenkenner, seit 1976 Vorsitzender der Realgemeinde, zeigt mir zuerst stolz seine acht Milchkühe und einige Rinder und meint: ,,Was ist denn ein Bauer schon ohne Vieh? Hier in Hajen gibt es sonst keine Rinder und Schweine mehr.“ Früher gab es neben dem von Korffschen Gutshof acht Vollmeier und einen Halbmeier. Heute stehen die großen, schönen Höfe leer, das Land ist verpachtet, nur das Gut erhält noch die Landwirtschaft. – Wilfried Freise war auch 2005 ein bedeutender Motor beim Kreiswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“. Hajen errang den 1. Platz! „Das kann nur eine Dorfgemeinschaft erreichen“, lächelt er bescheiden. Auch in der Kirchengemeinde sehr aktiv, zeigt er mir dann das für viele Feiern gut eingerichtete und recht große Gemeindehaus.

Seine Worte: „Wir leben hier lebendige Kirche“ zeigen, dass es in Hajen genug Menschen gibt, die ihre Pastorin Reinecke, verantwortlich für alle sieben Dörfer des Ilsetales, gern unterstützen.

1986 kam er nach Hajen, der Bildhauer und Töpfer Jan Ehlers. Durch Zufall fand er ein kleines, altes Haus auf dem Kohlkamp, fand dort die idealen Voraussetzungen für seine künstlerischen Ideen: Dieses Dorf am fließenden Wasser, von der über den Ruhberg fast ganztägig ziehenden und wärmenden Sonne beschienen. „Für mich ein verführerisches Paradies“, meint er lächelnd. Seine große Leidenschaft, die Bildhauerei, wurde 2011 bei den „Nieheimer Holztagen“ belohnt. Er wurde dort „Künstler des Jahres“. Seine Skulptur „Die große Freude“, 2,60 Meter hoch, 2 Meter Durchmesser und 6 Tonnen schwer, steht jetzt dort im Kurpark. Am Weserufer in Hajen standen 2008 seine „Hüossen“, die Treideler, bis zu den Hüften im Hochwasser, und sein „Rufer“ am alten Fährhaus scheint heute noch „Holüber“ zum Ruhberg hinüber zu rufen. So ganz nebenbei töpfert Ehlers auch noch und ein Besuch im Ausstellungsraum seines Hauses, dienstags bis donnerstags, lohnt sich immer.

Zwar gibt es in Hajen keine Dorfgaststätte mehr, dafür aber im Dorf drei Möglichkeiten, Feste und „feste“ zu feiern: das Sportheim des SV Hajen, das formschöne Feuerwehrhaus und das Gemeindehaus hinter der Kirche! Die Artikel über Zuschussmöglichkeiten der Gemeinde für das Sportheim waren ja in letzter Zeit schon „Dauerbrenner“ in der Dewezet! Aber die Hajener scheinen froh zu sein, diese Möglichkeiten überhaupt zu haben.

Wie sie auch alle froh über „ihren Dorfladen“ sind, der zur „Nachrichtenzentrale“ und „Austauschbörse“ geworden ist, dank der Großbäckerei Bente. Eigentümer Hermann Bente beschäftigt immerhin 130 Mitarbeiter, davon 35 in der riesigen Backstube. Sechs moderne Verkaufswagen versorgen 15 Verkaufsstellen ringsumher, und der Chef hat auch keine Nachwuchssorgen: Die acht Bäckerlehrlinge kommen alle aus der näheren Umgebung. Neben den bekannten, guten Backwaren können die Dorfbewohner auch viele andere Waren für den täglichen Bedarf in diesem Dorfladen bekommen, er wurde zu einem Dorfmittelpunkt und Segen für die ältere Generation. Dort trifft man sich eben und tauscht die Neuigkeiten im Dorf gemütlich bei einer Tasse Kaffee aus. Wo gibt es so etwas noch in unseren Dörfern?Ortsbrandmeister Hartmut Maluschka führt mich durch das 1981 errichtete Feuerwehrhaus an der Bauernstraße. 45 aktive und 20 Männer der Altersgruppe treffen sich dort alle zwei Wochen zum praktischen oder theoretischen Dienst, zwölf in der Jugendfeuerwehr des Ilsetales. Ein 26 Jahre altes Tragkraftspritzenfahrzeug und ein MTW (= Mannschaftstransportwagen) sind die Einsatzfahrzeuge. Altersbedingt ist der Hajener Musikzug auf neun Musiker geschrumpft. Selbstverständlich ist die Ortsfeuerwehr auch bei vielen anderen Dorfveranstaltungen präsent: Osterfeuer an der Weser, Aufstellen des Maibaumes, Kartoffelbraten im Herbst, Preisskat, Altpapiersammlungen… – „So ganz nebenbei“, dabei lächelt der Ortsbrandmeister, „muss ich mich als Tischlermeister auch noch um meine eigene Tischlerei im Dorf kümmern!“

            

Auch der SV Hajen bietet ein gutes, vielseitiges Sportprogramm für seine 284 Mitglieder: Gymnastik für Frauen und Männer, Kinderturnen, Tischtennissparte (2. Bezirksklasse), daneben eine Wandergruppe. Selbstverständlich spielt man auch in Hajen Fußball: Die Männer in der 1. Kreisklasse, die alten Herren in der Altliga, die jüngsten in der Jugendspielgemeinschaft Börry/Latferde. Der 1. Vorsitzende Johannes Gehrig: „Wir alle fühlen uns wohl, hier in Hajen und unserem Verein.“

Am Ende der Thingstraße zeigt mir stolz die Pferdewirtin Julia Hartwig ihre große Reithalle, die Ställe mit den 26 Boxen für private Einstellpferde und natürlich ihre eigenen Reitpferde. Die gelernte Physiotherapeutin kam als „Quereinsteigerin“ 2011 zu ihrem jetzigen „Traumberuf“. Zwei externe Reitlehrer unterstützen sie, ein Tierarzt kümmert sich um die Pferde. Schöne Pferde, schöne Frauen, was will Hajen noch mehr? Auch an der Thing-straße: Das 6000 Quadratmeter große Gelände für die Hunde- und Seminarschule Weserbergland“ von Ulrich Wessel. Seit über 25 Jahren ist dieser „Hundenarr“, wie er sich selbst bezeichnet, als Hundetrainer tätig. Kein Wunder, er bekam schon als Kleinkind einen Dackel geschenkt, ist also mit Hunden groß geworden. Einige Auszüge aus seinem Prospektangebot: Beratung vor dem Hundekauf; Welpen- und Jagdhundetraining, Einzelunterricht mit Verhaltenstherapie; geführte Wanderungen im In- und Ausland. Und so ganz nebenbei hält sich dieser außergewöhnliche Tierfreund drei Lama-Wallache, die ohne zu spucken auf seiner Wiese weiden…Zum 30. Juni lädt der MGV Harmonia und Frauenchor Hajen zu seinem 90-jährigen Jubiläum ein. Bis 1964 gab es im Dorf nur einen reinen Männerchor, danach füllten die Frauen die gelichteten Reihen der Sänger auf. Vorsitzender Rolf Möller und seine Sängerinnen und Sänger freuen sich auf diese Jubiläumsfeier mit vielen Gastvereinen am Sportheim.

Zum Schluss ein nachahmenswertes Beispiel: Sieben befreundete Hajener – Carola und Jörg Strüver, Almut und Hans-Heinrich Meyer, Doris und Friedrich Müller sowie Heidemarie Grupe – haben dem Weserdorf eine kleine Attraktion geschenkt: Sie eröffneten im alten Fährhaus ein Sommer-Café, das ab Ostern wetterabhängig geöffnet ist. Ich hatte das Glück, schon am 25. März bei günstigem Frühlingswetter den Kaffee und hausgebackenen Kuchen genießen zu können. Auf jedem Tisch lag folgende Begrüßung: „Wir, Freunde aus Hajen, haben hier ,auf der Have’, dem idyllischen Platz oberhalb der Fähre, für Sie unser Sommer-Café eröffnet.“ Einstmals zogen Treideler (Hüossen) die Schiffe den Strom hinauf. Heute gibt es ein munteres Treiben mit Fahrrädern und Inlinern auf dem Weser-Radweg, dem ehemaligen Treidelpfad.

Mein Fazit über Hajen: Die Hajener können stolz auf ihr schönes Weserdorf sein, auf ihre Tradition und die vielen Menschen, die sich auch heute noch gern für ihr Dorf einsetzen.

 

 

 

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