Hagenohsen

 

 

Zwei sehr unterschiedliche „Augenblicke“ werden dem von Kirchohsen kommenden Autolenker auf der Valentinibrücke geboten: Links an der Weser die alte Ohsener Burganlage, heute Staatsdomäne, rechts in der Sonne weithin leuchtende Fachwerkhäuser am Fuße des 150 Meter hohen Bückeberges, darüber bis oben hinauf moderne Wohngebäude, die sich vereinzelt an den Berg hängen. Die Wasserburg Ohsen ist über 1000 Jahre alt, sie war früher durch einen auf der Nordseite fließenden Weserarm von „Northohsen“, dem heutigen Hagenohsen, getrennt, siehe den Merianstich aus dem 16. Jahrhundert. Das „Oh“, verwandt mit „ouwe“ bedeutet Wasser, also war die Burg auf der Weserinsel das feste Haus an der Weseraue. Edelleute, Fürsten, sogar Zar Peter der Große logierten hier. – Aber zurück in die Neuzeit: 1939 zählte Hagenohsen 397 Einwohner, 1946 = 734, 1961 = 710, 1972 = 658 und heute 485!

            

Wie immer neugierig auf das Dorf und seine Menschen besuchte ich zuerst den letzten Ortsbürgermeister des Dorfes, den 88-jährigen Heinrich Hentze, im Amt von 1963 bis 1973. Schon an der Haustür freute ich mich über seine Holztafel mit dem plattdeutschen Text: „Heier lebet, freiet und argert sek Heinrich Hentze!“ Meine erste Frage an ihn: „Wie lebt man hier vor und am steilen Berghang?“ Heinrich Hentze schmunzelte: „Der steil ansteigende Garten mit seinen fünf Terrassenstufen, den Stützmauern, dem Erdkeller, den vielen Treppen mit den dazu notwendigen Erd- und Steinbewegungen haben manchen Tropfen Schweiß gekostet, aber man hat es geschafft!“ Sicher gilt diese Aussage auch für alle anderen Einwohner Hagenohsens, die den Mut hatten, vor und am steilen Bückeberghang zu bauen. Stolz zeigte mir der Senior an einem Steinpfosten vor seinem Haus die dort angebrachten Hochwassermarkierungen. Der Weserpegel stand am höchsten am

23. Februar 1799, danach am 9. Februar 1946, am 29. 1. 1846 und im Januar 1926. Der Dorfchronist berichtete dann noch vom Bückeberg-Glasmergel, der bis um 1870 aus mehreren Stollen gewonnen, auf Kähne verladen und bis Rinteln zur Glasfabrikation transportiert wurde. Im 2. Weltkrieg dienten die bis zu 800 Meter langen Stollen als Luftschutzbunker, danach wurden die Eingänge aus Sicherheitsgründen zugeschüttet beziehungsweise zugemauert.

            

Hauptstraße im Ort ist und bleibt die Hagenohsener Straße am Weserufer entlang. „Der Autoverkehr nimmt von Tag zu Tag zu“, stöhnen die Anwohner, „besonders seit der blauen Weserbrücke zwischen Hehlen und Daspe, viele meiden damit den Verkehr auf der B 83 und brausen durch unser Dorf“. Diese Straße bietet aber auch einige Überraschungen: Gut erhaltene und gepflegte Fachwerkhäuser; zur Freude der Damenwelt das supermoderne Einrichtungshaus von Martina Groth „Exklusives Wohnen und Mode“ und für den verwöhnten Gaumen das griechische Restaurant „Korfu“, außerdem eine ehemalige „Berittene Försterei“ und ein klitzekleines, früheres Armenhaus am Ortsausgang Richtung Latferde, das sich eine Einwohnerin zu einem Gartenparadies gestaltet hat.

 Natürlich besuchte ich auch die Domänenburg. Pächter Andreas Riecke bewirtschaftet über 300 Hektar. In der Betriebsgemeinschaft mit von Blum (Harderode), von Hake (Ohr) und Meyer (Tündern) werden vorrangig Weizen (50 Prozent), Zuckerrüben, Kartoffeln, Gerste, Raps und Mais angebaut. Nach einer Rundfahrt durch die Ländereien, zum Vorwerk führte er mich natürlich auch durch die Burg. Die Anlage in der heutigen Substanz wurde in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts errichtet. Besonders interessant der kleine Turm, „das schwarze Laster“ genannt! Er wurde in der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts erbaut und diente vom 16. bis 18. Jh. als Gefängnis.

 Auf einer Tafel an der schweren Bohlentür steht die Inschrift: „Verabscheue das schwarze Laster“. Es sollen in Hagenohsen im 16. Jahrhundert einige Frauen der Zauberei (eben dem schwarzen Laster!) bezichtigt und dort vor ihrem Feuertod eingesperrt worden sein! Trotz dieser grausigen Vergangenheit fühlt sich die Familie Riecke auf der Burg wohl, bezeichnend der heimatverbundene Ausspruch des Domänenpächters: „Hier in Hagenohsen ist meine Heimat, hier bin ich geboren, hier will ich auch sterben!“

            

Hinter dem sehr gepflegten Friedhof mit der alten, jeden Vorbeifahrenden beeindruckenden riesigen Hängebuche, einem Naturdenkmal, gibt es tatsächlich in dem kleinen Dorf noch zwei Firmen auf dem Gelände der ehemaligen Juwel-Kleinmöbelfabrik Jürgens, später WINI: Die Autowerkstatt Karl-Heinz Maue mit ihrem besonderen Angebot für Schülertransporte, Krankenfahrten, Fahrradtouren und Funk-Mietwagen. Dicht daneben der Meisterbetrieb Fliesen-Werpup, dessen Junior, Daniel Werpup, so nebenbei Ortsbrandmeister der Hagenohsener Feuerwehr ist. 18 Aktive und 15 Männer der Altersgruppe verlassen sich auf ihre TSF-W und bereiten sich auf das 125-jährige Wehrjubiläum mit einem Zeltfest 2013 auf den Weserwiesen vor. Aktiv ist auch die Hagenohsener Jugendfeuerwehr, geleitet von Julia Piehl, die mir einen vorbildlichen Jahresdienstplan überreichte. Sie selbst wohnt zwar in Emmern und ihre vier weiblichen und sieben männlichen Jugendlichen kommen aus Voremberg und Völkerhausen! Also auch in Hagenohsen Nachwuchssorgen bei der Feuerwehr!

Das Deutsche Rote Kreuz ist wie überall in unseren Dörfern auch in Hagenohsen sehr aktiv. Ursula Schneider, 1. Vorsitzende des Ortsvereins, betreut 95 Mitglieder. Das Jahresprogramm des DRK ist umfangreich: Sechsmal im Jahr gibt es ein Frühstückstreff, zweimal Kaffee-Basare, eine Jahresfahrt mit interessantem Ziel, Klönabende, Besuchsdienst für die ältere Generation. Übrigens werden die bei den Basaren erwirtschafteten Beträge der Emmerthaler Tafel und dem Hospiz gespendet. 35 Forstgenossen gibt es in der Hagenohsener Forstgenossenschaft. Ihr 1. Vorsitzender, Jürgen Hüttig, meldet 65 Hektar Buchenwald auf dem Bückeberg. Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, dass der Bückeberg vor circa 100 Jahren ein nackter Fels war, aber die Natur mit Hilfe der Menschen erobert sich immer wieder ihr Terrain zurück!

 Genau so unvorstellbar ist doch sicher auch für die jüngere Generation, dass beim letzten Erntedankfest 1937 fast eine Million Menschen auf dem Bückeberg herum trampelten! Zum Schluss gaben mir einige ältere Einwohner noch ein paar ureigene Hagenohsener Weisheiten mit auf den Heimweg:

 

 4 Wei Hagenohsener köönt ösch veel bäter meen Emmerschen verdrägen as mee’n Kerkohsenern!

 4 Man sagt hier: Irgendeiner hat einmal versucht, am Bückeberg Wein anzubauen, daher die Weinbergstraße. Der war aber so sauer, dass er an die Gefangenen in Hameln verschenkt wurde.

 4 Leute, kauft Euch Watte für die Ohren, am 1.September gibt es „Rock in Emmerthal“ auf den Weserwiesen am Lindenanger!

 4 Schmunzelte ein anderer Einwohner, als ich mich von ihm verabschiedete: „Wissen Sie eigentlich, warum es in Hagenohsen kaum Hunde und Gänse gibt?“ Ich verneinte und er darauf sagte dieser: „Wachsamer als zwei zusammen plaudernde Frauen aus Hagenohsen können diese Tiere bestimmt nicht sein!“