Grohnde

 

Von wegen „nichts los“ 


Ein Portrait von Wilfried „Fiffi“ Voss

 

            

Immer, wenn ich nach Grohnde fahre und die 135 Meter hohen Türme des Kernkraftwerkes mit den hoch in den Himmel aufsteigenden Dampfwolken sehe, muss ich an die „Schlacht um das Atomkraftwerk 1977“ denken! Die damaligen Turbulenzen an der Weser haben sicher auch noch viele alteingesessene Grohnder in Erinnerung. Hat doch dies Weserdorf in seiner wechselhaften Geschichte, beginnend mit den verschiedenen adeligen Burgherren, dem Amt Grohnde (bis 1859), seiner Brücke (vermutete Zerstörung während des Dreißigjährigen Krieges) und seiner Fähre, eine der wenigen übrig gebliebenen an der Oberweser, stets eine überregionale Bedeutung gehabt. So überquerte auch vor 220 Jahren, am 13. Juni 1791, sogar Johann Wolfgang von Goethe mit seinem 11-jährigen Sohn August von Einbeck kommend in Grohnde die Weser. Vom Fährprahm über Niedrigseilfähre bis zur heutigen Hochseilfähre (seit 1922) war es ein langer, ereignisreicher Weg. Der jetzige, braun gebrannte, sehr jugendlich wirkende Fährmann Dirk Borchers meinte während der Weserüberquerung lächelnd: „Für mich ist und bleibt dies ein Traumberuf!“ So nebenbei vermietet er noch an Wasserfreunde in Eigenregie 2er- und 4er-Canadier. Auch heute noch von vielem Grün umgeben macht das Dorf seinem Namen Ehre. Der Namenforscher Prof. Dr. Jürgen Udolph erklärt ihn von Gron-ithi herkommend als „Grünort, der grüne Ort“. 1237-1247 = Gronde, danach Helmicus de Gronde, Johannes de Gronede 13./14. Jh. Die Burg Grohnde, eine ehemalige Wasserburg, wurde 1421 von den Herzögen von Braunschweig-Lüneburg erobert, sie gehörte bis 1619 zu dieser Herrschaftslinie.

            

Schon 1530 wurde aus dem „Gericht Grohnde“ das „Amt Grohnde“, das erst 1859 dann dem Amt Hameln zugeführt wurde. 1939 hatte Grohnde 810 Einwohner, 1946 durch Flüchtlinge und Vertriebene 1445, 1950 sogar 1488!, 1972 sind es nur noch 1322 und heute 1129, dazu sind noch 93 Nebenwohnungen gemeldet. Dörfer und einige ihrer Einwohner kennen zu lernen, ist und bleibt für mich immer wieder spannend. So kam ich zuerst zum Domänengelände. Vater Hans-Ulrich und Tochter Anne-Cathrin Uibeleisen, beide Dipl.Ing.agr., empfingen mich freundlich. Die Tochter, federführend im Amt, der Vater als langjährig erfahrener Berater. Die Maschinen-Arbeitsgemeinschaft (Campus AG) bearbeitet 950 Hektar Land, vorwiegend Gerste, Raps, Rüben, Weizen. Beteiligt sind neben der Domäne: von Klencke (Hämelschenburg), von Stietencron (Welsede), Leinemann und Zeddies (Grohnde), von Daacke (Kirchohsen) und ein Lipper: Boeksteegers. Die riesigen Landmaschinen auf dem Domänengelände, ich sah den gewaltigen „Rubber“ für die Stoppelfeldbearbeitung, beeindruckten nicht nur mich. Noch mehr aber der kleinere private und der öffentliche Park hinter der Domänenburg mit seinem alten, würdigen Baumbeständen. Der Blick von der Domänenmauer hinüber zum Grohnder Fährhaus mit dem Kaffeegarten unter den hohen Linden, auf die Fähre und die ruhig dahingleitenden Boote lädt zum Träumen ein. Der alte Sportplatz an der Weser hinter dem Park wird zum „Bolzen“ und, wie ich später von Günter Briesemann, Vorsitzender des Fischerei-Sportvereins erfuhr, auch für Casting-Turniere (Angel-Zielwurf) genutzt. Das nächste beginnt bereits am 20. August, 14 Uhr. Dieser Verein betreut 220 Aktive und 30 Jugendliche und hat 54 Hektar Angelgelände zwischen Hagenohsen und Hehlen gepachtet. 100 Mitglieder zählt auch die Schützengilde Grohnde. Ihr erster Vorsitzender Lothar Hahlbrock berichtet stolz, einige Pistolenschützen schießen in der 2. Bundesliga und nehmen auch an den Landes- und Deutschen Meisterschaften teil.

            

Bei meinen verschiedenen Besuchen in Grohnde habe ich mich auch spontan mit den verschiedensten Einwohnern unterhalten und sie bewusst nach einer Dorfgemeinschaft und deren Aktivitäten gefragt. Die Antworten: „Es gibt doch kein Teich-, Park- oder Dorffest mehr; jeder Verein bröselt so vor sich hin; früher war das alles ganz anders! Dazu dann noch die aktuellen, alltäglichen Sorgen: Es gibt doch in Grohnde keinen einzigen Laden mehr, man kann noch nicht einmal eine Zeitung kaufen, was soll die ältere Generation hier anfangen?“ – Und vieles andere mehr! Die Schulsituation, kein Arzt mehr im Dorf; irgendwie klang das alles für mich deprimierend. Einer meinte sogar: „Dazu noch eine Ortsbürgermeisterin auf der Grohnder Alm, in Lüntorf!“ Es gibt gottseidank aber auch anderes in dem Weserdorf, ich darf vom Gegenteil schreiben: Da berichtet mir die Vorsitzende des DRK-Ortsvereins, Maren Stelzer-Metje: einmal monatlich Senioren-Kaffee, offen für alle; zweimal im Jahr Kinderbasar; eine Busfahrt; Besuchsdienst ab 70. Geburtstag; Kleinkindertreff für junge Mütter und, man höre und staune: Zum 75. Geburtstag des DRK soll sogar wieder ein Dorffest organisiert werden! Ortsbrandmeister Günther Wittchow berichtet auch nur positiv: Wir sind einsatzbereit. 47 Aktive, zehn Männer in der Altersabteilung, guter Nachwuchs ist vorhanden, sogar eine Kinder-Feuerwehr! Im Musikzug spielen zurzeit 16 Musiker. Auch die Fahrzeuge und die Ausrüstung sind in Ordnung!  Die Grohnder Weserbühne übt auch schon wieder fleißig mit einem vielsagenden Titel des neuen Theaterstücks: „Die unglaubliche Geschichte vom gestohlenen Stinkerkäse“. Darauf kann man doch gespannt sein. Die Premiere soll im März im Emmerthaler Kulturzentrum stattfinden, weitere Aufführungen folgen in Grohnde und Marienau. Der 1. Vorsitzende des Turn- und Sportvereins Grohnde, Horst Fischer, bietet neben vier Fußball-Mannschaften noch eine Sparte Turnen (Kinder bis Senioren), eine Tischtennis- und Wandersparte an. Er machte mich auch auf den Waldgottesdienst am vergangenen Sonntag, 7. August, an der Forsthütte Waldesruhe aufmerksam. Die war auch an diesem Sonntagmorgen das Ziel der Wandersparte und wurde auch meins. Also tippelte ich vom Waldrand nach der idyllisch gelegenen Waldhütte. Die Wandersparte des Tuspo besteht in diesem Jahr 25 Jahre. Wanderwart Kurt Lohmann wurde darum im Rahmen dieses Gottesdienstes, den der Grohnder Pastor Simon Pabst zusammen mit dem Kirchenchor feierlich gestaltete, besonders geehrt. Was heißt hier also: „Nichts los im Dorf“?

 

 

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