Frenke

 

 

Von Wilfried „Fiffi“ Voss

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Das Dorf Frenke hat nur 109 Einwohner – aber großartig ist es trotzdem. Zwei Straßen, aber mit vier Namen, kreuzen sich am Mittelpunkt des kleinen Dörfchens Frenke, dem Thie! Die eine, von Börry kommend (K23) als „Burgstraße“ bis zur Mitte, danach „Am Thie“ in Richtung Hajen. Die zweite, von Grohnde kommend (K21) als Bohlweg bis zur Mitte, danach Frankestraße in Richtung Brockensen. Der erste Eindruck: Alles sehr übersichtlich, sauber, gepflegt, die schmucken Fachwerkhäuser, die großen, etwas leer wirkenden Bauernhäuser bis hin zum kleinsten Eigenheim. Frenke ist hübsch, ohne Zweifel.

Über die Herkunft des Ortsnamens streiten sich die Experten. Selbst Namenforscher Prof. Dr. Jürgen Udolph bezweifelt eine Verbindung mit dem Namen der Franken (Vranki?). Er vermutet germanische Wortstämme als Ursprung und weist auch auf eine Verbindung mit der Lage des Ortes hin, dessen ältester Kern an der Biegung des Ilsebaches vermutet wird (Ilse-Knick). Immerhin gab es ein adeliges Geschlecht derer „von Frencke“. Die letzte Namensträgerin ist auf einem Grabstein vom 30. April 1586 im Stift Fischbeck verewigt.

1939 hatte Frenke 122 Einwohner, 1946 durch Flüchtlinge und Vertriebene 291, 1961 waren es 166 und 1972 wieder 122. Heute leben nur noch 109 Menschen in der kleinen Ortschaft. Nur noch 109 – aber was für eine gelungene Zusammensetzung! Begonnen habe ich mit meinen Besuchen bei der ältesten Einwohnerin des Dorfes, der 93-jährigen Ingeborg Simon, deren Neffe treffend diesen kleinen Ort das „Dorf in der Stille“ getauft hat. 2009 veröffentlichte die resolute alte Dame den ersten Band ihrer Lebenserinnerungen mit dem Titel „Ungebratenes“ (1918 bis 1938). Weitere sollen folgen, schließlich habe sie sich nicht ohne Grund in diesem 2002 zum schönsten Dorf des Kreises Hameln-Pyrmont gekürten Dorf noch mit dem „Wunderding Computer“ befassen müssen.

Genauso spannend wurde der Besuch beim ältesten Mannsbild im Dorf, August Maaß. Er war einer der Mitbegründer des Pfingstklubs Frenke, im Volksmund „Pfingstochsenklub“ genannt. In einer „Schnapslaune“ 1963 entstanden, treffen sich alljährlich am ersten Pfingsttag um fünf Uhr früh (!) die Herren der Schöpfung und marschieren gemeinsam, mit der notwendigen flüssigen und festen Verpflegung bewaffnet, zum Kirschgarten am 152 Meter hohen Kleinen Berg hinauf. Aber wehe, ein Pfingstochse ist nicht pünktlich beim Glockenschlag 5 Uhr vorhanden!

Die Strafen, beschrieben im Protokollbuch bis heute, sind heftig: 1 bis 4 Flaschen Doppelkorn oder damals 10 D-Mark, heute Euro! Ein geschnitzter Ochsenkopf und Wimpel wurden äußerliche Zeichen des männlichen Zusammenhalts. August Maaß, früher Schuhmachermeister im Dorf, zeigte mir dann stolz seine noch erhaltene alte Schuhmacherwerkstatt.

Mädchen für alles ist und bleibt in Frenke die Freiwillige Feuerwehr. Ortsbrandmeister Dietmar Stumpe kann sich auf 26 Aktive, 7 in der Altersgruppe und 32 Förderer verlassen. Alle vier Wochen sind Übungen angesagt. 1986 wurde das neue Gerätehaus eingeweiht, der Anbau mit gleichzeitigem Dorfgemeinschaftsraum folgte 2004. Das Ausrichten des Osterfeuers, der Maifeier sowie der Kartoffel- und Heufeste und der Nikolausfeier gehören zu den weiteren Aufgaben der Brandschützer Frenkes.

Und nun zu den vielen „Deutschen Meistern“ in diesem Minidorf: Hier lebt Monika Birke, bekannt durch ihre Teilnahme am „Tag des offenen Gartens“. Als Bewunderin des Verhaltensforschers Konrad Lorenz züchtet sie wieder fast ausgestorbene Hühnerrassen, zum Beispiel die „Ramelsloher“ mit ihrer Besonderheit: hellblaue Ohrscheiben, blaue Füße und schwarze Augen! Mit ihnen wurde sie 2008 Deutsche Zuchtmeisterin auf Bundesebene! Daneben hält sie noch, fasziniert von deren Eigenständigkeit, „Leinegänse“! Selbstverständlich bin ich dann noch durch ihren alten, gepflegten Bauerngarten gegangen mit den vielen Kräutern und sogar einer „Giftecke“, in der unter anderem Tollkirsche, Bilsenkraut neben Färbepflanzen wachsen. Als große Überraschung zeigte mir danach noch ihr Gatte Walter seine Raritäten: zwei Oldtimer – eine „Ford-Badewanne“ P3 (Baujahr 1962) und einen Traum-Mercedes 123 (Baujahr 1977), von ihm selbst gewartet und gepflegt. Zu meiner großen Verblüffung präsentierte er mir dann, sicher untergebracht in der großen Scheune, noch ein großes Magirus-Feuerwehr-Löschfahrzeug mit einer ausziehbaren, 24 Meter langen vollhydraulischen Leiter. Baujahr 1936. Dieses Fahrzeug diente bis 1975 bei der Stadtfeuerwehr Hameln! Es wird heute noch in Frenke als „Kindertransporter“ bei Festen und als „Hochzeitskutsche“ eingesetzt. Toll!Weiter geht’s auf meinem Rundgang durch das kleine, schöne Frenke. Landwirt Hans-Bernhard Ahrens hält zusammen mit seinem Sohn acht Pferde, drei Reitpferde (Hannoveraner) und fünf Ponys. Daneben die einzige Kuh im Dorf mit ihrem Kalb. „Warum denn eine Kuh?“, frag ich ihn noch. „Die muss die Ordnung auf der Weide halten!“, antwortet er lächelnd.

Gegenüber vom wohl einmaligen Dorfmuseum, der „Heimatstube Frenke“ des Sammlers, Dorfchronisten und Heimatforschers Wilhelm Hölscher, gibt es eine Bundesjugend-, Berlin- und Europasiegerin! Jutta Meyer züchtet dort Englische Cocker-Spaniels nach ihrem selbst gewählten Motto „Einmal Cocker, immer wieder Cocker!“ Sie züchtet seit 1989, fährt europaweit zu Ausstellungen und kommt dann als „Beste“ bescheiden in ihr hübsches Heimatdorf zurück. „Sie liebt eben diese temperamentvollen, kinderfreundlichen Familienhunde!“, sagt ihr Ehemann Wolfgang, der sich mir selbst bescheiden als ihr „Stallbursche“ vorstellte.

Klar, dass ich an Wilhelm Hölscher, dessen Heimatstube seit langem immer wieder in unserer Zeitung mit Recht beschrieben wird, bei meinem Besuch in Frenke nicht vorbei konnte. Er führte mich durch die schon 1288 gegründete St. Johannis-Kirche. Die einzige Glocke des Gotteshauses stammt aus dem Jahre 1614, die große Furtwängler-Orgel wurde 1852 eingebaut und die Kirche 1898 gründlich renoviert. Liebevoll erklärte er mir die vielen besonderen Merkmale dieses schönen, im Mittelpunkt des Dorfes gelegenen Gotteshauses. Anschließend marschierten wir zusammen mit seinem Enkel Martin, genauso geschichtsorientiert wie sein Großvater, zum „Weißen Stein“ am Hellweg, einem 70 Millionen Jahre alten Findling. Dieses Naturdenkmal aus Tertiärquarzit ist inzwischen zum Schutz vor Räubern mit Fundament und Eisendübeln gesichert.

Noch ein Sprung zur Gegenwart: Dicht neben der Heimatstube Hölscher haben sich jetzt sogar interessante Neubürger niedergelassen. Die Diplom-Designerin Sigrid Halfpap mit Familie hat nach zweijähriger Suche in einem traumhaften Fachwerkhaus eine Heimstatt gefunden. In der historischen Deele der Villa 12 (Frankestraße 6) bietet sie folgende Kurse an: Zeichnen für Anfänger, Malkurse und Anfängerkurse für Digitale Bildbearbeitung am Computer. Das ist sicher eine moderne Bereicherung in dem alten Dorf. Begeistert erzählt mir die Neubürgerin, wie freundlich und hilfsbereit sie von ihren Nachbarn aufgenommen wurde. Ich wurde bei allen meinen Besuchen davon ebenfalls überzeugt: Dies kleine, schnuckelige Dörfchen lebt in einer guten Dorfgemeinschaft! Wie meinte doch eine muntere, ältere Frau zu mir: „Bei uns gibt es aber auch kein Hickhack!“ – Kompliment!

 

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