Esperde

 

Ein schmuckes Dorf mit Trecker-Familie


Ein Portrait von Wilfried „Fiffi“ Voss

 

 

            

Im südöstlichen Zipfel der Gemeinde Emmerthal liegt friedlich in einer Ilse-Senke vor den Hügeln „Hagen, Langelsberg, Rebenstein, Tappenberg und dem Hohen Horst“ das kleine Dorf Esperde. Klein, aber oho!

Meine vier Besuche in diesem gepflegten Ort reichen eigentlich nicht aus, alles Wissenswerte und Eigenartige in Esperde festzuhalten. Das aber haben eigentlich schon die vier Esperder Einwohner Gerhard Schramm, Margret Schacht, Thomas Barklage und Gabriele Pohl, unterstützt von der ganzen Dorfgemeinschaft, im Juni 2001 mit einer 410 Seiten starken Dorfchronik geschafft. Von dieser 400-Jahr-Feier sprechen heute noch viele begeistert.

Der Namenforscher Prof. Dr. Jürgen Udolph erklärt den Ortsnamen: Herkommend vom Stammwort ford(e) = Furt (Hochdeutsch), Ilsefurt, wandelte sich der Ortsname im Laufe der Jahrhunderte von Eversvorde (1151 Urkundenbuch Hochstift Hildesheim) in unterschiedlichen Schreibweisen bis hin zu Asperde und Esperde. Plattdeutsche kürzen heute noch Esperde durch Äsper ab.

            

1939 zählte man in Esperde 370 Einwohner, 1946 durch Flüchtlinge und Vertriebene 865, 1961 lebten dort 508, heute wieder 375, ungefähr wie 1939. Aber es soll dort noch viele Zweitwohnungen ehemaliger Esperder geben, die sich einfach nicht von ihrer schönen Heimat trennen können. Auch der Fremdenverkehr wuchs in den vergangenen Jahren kontinuierlich, die Zahl der Gästebetten stieg auf 60! Und dem aufmerksamen Besucher entgeht auch nicht, wie zukunftsorientiert in und um Esperde herum alternative Energiequellen ständig wachsen.áááJa, Esperde ist gleich Energie. Drohen doch von der Weser her täglich die Dampfwolken der Kernenergie! Rings um das Dorf herum surren zudem die Propeller der elf riesigen Windkraftmasten von der Holzmindener Kreisgrenze herunter und werfen ihre Schatten bis in die Schlafzimmer, stöhnt eine Einwohnerin. Drei weitere stehen auf dem Rebenstein, sechs oberhalb von Börry!

Das ist aber noch nicht alles. Ich habe in noch keinem Dorf unserer Umgebung so viele Photovoltaikdächer gesehen wie in Esperde! Wenn die Mittagssonne sich in dieser Vielfalt spiegelt, muss der Betrachter die Augen schließen, um nicht geblendet zu werden. Also kann Esperde als gutes Beispiel für die Nutzung alternativer Energien empfohlen werden.

            

Auch die Landwirtschaft ist in Esperde noch stark vertreten: Vier Vollerwerbsbetriebe (alphabetisch: Göhmann, Marienhagen, Schweizer und der Bioland-Marienhof Sobottka) sowie einige kleinere Nebenerwerbsbetriebe gibt es. Eine funktionierende Maschinengemeinschaft garantiert die gute Zusammenarbeit bei der Bestellung der Rüben-, Weizen- und Gerstenfelder. Daneben werden im Dorf noch 2800 Schweine gemästet!

Seit 1988 hat Helmut Sobottka den Marienhof zu einem Bio-Hof umgestaltet. Der aus der Umweltbewegung stammende „Gärtner“ hat nach seinem Abitur Landwirtschaft studiert. Für mich beispielgebend: Seine Frau und er selbst sprechen von ihren Angestellten (drei Gärtner, ein Azubi, zwei weitere Arbeitskräfte) in „ihrer Hofgemeinschaft“! Ihre Gemüse, Salate, Tomaten werden in sechs großen ungeheizten Gewächshäusern selbst gezogen.

In seiner Landwirtschaft werden als Sonderkulturen jeweils fünf Hektar Zwiebeln, acht Hektar Spinat und acht Hektar Buschbohnen angebaut. Lächelnd meint der stolze Besitzer dieses Biolandes: „Wir versorgen unsere Böden auch nur mit Stickstoff aus unserer eigenen Fabrik!“ Kein Wunder, dass es in diesem abgelegenen Dorf vielleicht deshalb noch Fasanen und Rebhühner in freier Wildbahn gibt!

Neben dem Friseursalon Aldag und dem weithin bekannten Metallbaubetrieb Schramm und der Tischlerei Schlüter gibt es weiter keine Gewerbebetriebe. Viele Esperder wünschen sich aber wieder einen Verkaufskiosk zurück, der vor allem der älteren Generation zugute kommen würde.

Aber: Esperde hat noch ein richtiges Dorfgasthaus zu bieten, in der auch die Kulturinitiative Ilsetal beheimatet ist. Ein umfangreiches Kulturprogramm bis zum November dieses Jahres steht schon fest. Das Gastwirtehepaar Wiegand, Liebhaber der urigen irischen Folkmusik, bietet daneben im stilvollen Ambiente eine „gehobene regionale Küche“.

Auch die örtlichen Vereine sind sehr aktiv. Der Männergesangverein Eintracht mit seinem frisch gewählten ersten Vorsitzenden Dietmar Kohlenberg plant anlässlich seines 90-jährigen Bestehens am 28. Mai eine Jubiläumsfeier mit Gastvereinen. Für den Nachwuchs der Freiwilligen Feuerwehr ist gesorgt: Neun Jugendliche treffen sich wöchentlich zum Dienst im Feuerwehrhaus. Angelverein, Waldbetriebsgemeinschaft, Jagdgenossenschaft und natürlich die DRK-Ortsgruppe gehören auch noch zu diesem umfangreichen Vereinsensemble.

Zwei Vereine im Ort müssen besonders erwähnt werden. Sie zeichnen sich durch ihre längeren Vereinsnamen und die ortsübergreifenden Aktivitäten aus: Das ist der „Reiterverein Heyen-Esperde und Umgebung“ mit 96 Mitgliedern, davon 40 Aktive, unter der Leitung von Heike Schweizer. Geboten wird reine Freizeitreiterei, ein Reitplatz ist in Heyen. „Mairitt“ und „Herbstritt“ mit anschließendem Grillen sind jährliche Höhepunkte im Verein. Für die „Kleinsten“ gibt es eine Voltigiergruppe, um die Kinder an die Pferde zu gewöhnen. Der Hof Schweizer dient auch als Wander-Reitstation für die bekannte Route Rinteln-Uslar.Eine zweite Hochburg in Esperde ist die „Traktoren- und Nutzfahrzeug-Interessengemeinschaft Esperde und Umgebung“. Deren Vorsitzender Heinz-Helmut Köhler berichtet stolz von 177 Mitgliedern.

Die Aktivitäten dieser Gemeinschaft dehnen sich weit über die Grenzen unseres Heimatkreises bis nach Hannover aus. Aus Australien, Holland, Polen, sogar aus Peru holen sich diese Traktor-Fanatiker alte Lanz-Bulldogs und reparieren manchmal über zwei Jahre lang an diesen Oldtimern herum. Ihr Ziel: Historisches Kulturgut zu erhalten! Alle zwei Monate gibt es einen gut besuchten Info-Abend. Begeistert spricht der Vorsitzende und Initiator von seiner „Treckerfamilie“, in der tatsächlich auch schon waschechte „Trecker-Ehen“ geschlossen wurden.

Wenn sich zig dieser stolzen, knatternden Veteranen in Esperde treffen, lebt das ganze Dorf im Ausnahmezustand. „Bei uns gibt es mittlerweile einen Zusammenhalt, den keiner vorhergesehen hat. Es wird gemeinsam geplant, aber jeder restauriert für sich und hilft trotzdem noch dem anderen“, berichtet der Vorsitzende zufrieden und schmunzelt: „Neben unseren Vereinswesten gibt es neuerdings auch noch einen vereinseigenen Treckerschnaps. Prost.áááWie eine feste Burg steht inmitten des Ortes die im 14. Jahrhundert erbaute und um 1880 im Kirchenschiff vergrößerte Kirche. Drei temperamentvolle Frauen – Cornelia Stibbe-Bock, Hannelore Steinhoff und Kerstin Rodenberg – zeigen mir stolz das in den vergangenen Jahren liebevoll restaurierte, helle Innere der schönen, alten Kirche. Vorwiegend „Frauen-Power“ und stets hilfsbereite Männer schafften das mit 75 Prozent Eigenarbeit. Und vor der Kirche steht ein kleines Segelboot, das an das bekannte Kirchenlied „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt…“ erinnert.

Wie sagt doch beim Abschied Landwirt Reinhard Göhmann zu mir: „Eigentlich ist es doch schade, dass die beiden Landkreise Hameln-Pyrmont und Holzminden nicht zusammenfinden. Jetzt liegt doch Esperde weitab, an der Grenze unseres Kreises. Bei einem Zusammenschluss wäre Esperde aber der Mittelpunkt von beiden!“

 

 

 

 

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