Brockensen

 

 

91 Einwohner, 5 Lamas und richtig was los: Brockensen!


Ein Portrait von Wilfried „Fiffi“ Voss

 

            

 

Die meisten Autofahrer, dazu gehörte auch ich, brausen auf der Landesstraße 424 in Richtung Heyen, von Börry kommend, an Brockensen achtlos vorbei. Obwohl dort eines der schönsten, auffälligsten Fachwerkhäuser der Gemeinde Emmerthal an der Einbecker Straße steht: Das 1709 gebaute Becker/Gravesche Haus, ehemalige Zollstation zwischen dem Königreich Hannover und dem Herzogtum Braunschweig. Man muss es einfach fotografieren.

Ein von Landwirt Wilhelm Wessel aus Brockensen extra freigelegter Grenzstein am Eichberg zeigt noch gut erhalten auf der Vorderseite die beiden Antiqua-Buchstaben K und H = Königreich Hannover und H und B = Herzogtum Braunschweig. Zurückkommend von diesem Grenzstein sieht man vom Eichberg aus Brockensen am Rande einer Mulde liegen. Zwischen den Dörfern Heyen, Esperde und Brockensen gab es früher ein großes Moor. Davon hat auch dieses kleine Dorf seinen Namen bekommen. Nach dem Namenforscher Prof. Dr. Jürgen Udolph wird Brockensen erstmalig 1183 als Brokhusen urkundlich erwähnt. Ende des 13. Jahrhunderts (1287) heißt es schon Brochhusen, Brokhusen. Daraus wurde dann Brockensen – brok bedeutet Bruch, Sumpf, Moorland. Noch heute steht manchmal im Unterdorf Wasser in den Kellern. Auch in der jetzigen, 1890 erbauten zweiten Dorfkapelle wurden 1992 große Wasserschäden in den Grundmauern festgestellt. 500000 Mark kosteten damals die gesamten Reparaturen, bei denen auch eine horizontale Wassersperre eingebaut werden musste.

            

1939 hatte Brockensen 158 Einwohner, 1946 waren es 380, 1961 dann 223 und heute nur noch 91 Einwohner! Dazu sind beim Einwohnermeldeamt noch 13 Nebenwohnungen gemeldet. – Zuerst bin ich also allein durch die 5 Straßen marschiert. Einbecker Straße, Brockenser Straße, Kirchhofsbrink, Kapellenweg und Rottenweg heißen sie. Vorbei geht’s an einem sauberen Spielplatz für Kinder unter 14 Jahren, dahinter ein Rasen-Bolzplatz.

Die Küsterin Luise Strüver empfahl mir, den Landwirt Wilhelm Wessel aufzusuchen: „Der kennt Brockensen in- und auswendig!“ Gesagt, getan! Von diesem „Alteingesessenen“ erfuhr ich dann alles Wesentliche: Die Forstgemeinschaft Brockensen und Frenke mit ihren 106 Hektar und 76 Anteilen bewirtschaftet den Eichberg. Im Dorf gibt es neben einem landwirtschaftlichen Vollerwerbsbetrieb, dem Ferkel-Erzeugerbetrieb Garbe (120 Sauen) nur noch die zwei landwirtschaftlichen Nebenerwerbsbetriebe Hartmann und Hille. Dazu zwei Brennholz-Aufbereitungsbetriebe: Marcel Stolte sowie Harald und Nils Vespermann.

Stolz berichtete Wilhelm Wessel auch von der funktionierenden Dorfgemeinschaft. Federführend ist dabei die Freiwillige Feuerwehr mit ihrem Ortsbrandmeister Reiner Vespermann. Sie besteht aus 22 Aktiven, 10 Männern in der Altersgruppe, und einige Jugendliche werden in Börry ausgebildet. Diese kleine, aktive Wehr prägt das Dorfleben. Nach der Jahreshauptversammlung am ersten Sonnabend im Dezember trifft man sich einen Tag nach Weihnachten zu einer gemeinsamen Winterwanderung, die stets im Feuerwehrhaus den gebührenden, fröhlichen Abschluss findet.Die Feuerwehr organisiert aber noch viel mehr: Ende Februar gibt es Preisskat und Knobeln zusammen mit den Frauen. Das Osterfeuer am Ostersonnabend ist selbstverständlich Pflicht. Und am 1. Mai wird gemeinsam nach der eigenen Waldhütte mit Grillplatz im Eichberg gewandert. Auch Himmelfahrt wird gegrillt und „…die hungrigen Mäuler mit süßem Kuchen gestopft!“

            

Dann hat die Realgemeinde mit ihrem Vorsitzenden Carsten Wessel ihr spezielles Treffen am dritten Pfingsttag. Dabei werden zu besonderen Anlässen Blumensträuße verteilt. „Ein Grund dafür findet sich immer“, schmunzelt Wilhelm Wessel. Ende August/Anfang September ist dann das „Jägerrouladenfest“! Mitte Oktober dann noch ein Oktoberfest im Feuerwehrhaus auf bayerische Art mit Haxen, Weißwurst, teilweise im Dirndl, man gönnt sich ja sonst nix! Also ehrlich: In Brockensen ist richtig was los! Die Gastwirtschaft „Junimond“ ist zurzeit wegen Krankheit des Gastwirts geschlossen. Von 2003 bis 2010 war sie ein bekannter Treffpunkt für Musikbegeisterte mit modernen Bands.Eine tolle Überraschung erlebte ich dann noch zufällig bei der Geburtstagsfeier des 14-jährigen Enkels von meinem Wegbegleiter Wilhelm Wessel: Die Jungen spielten auf der Hauswiese Fußball. Plötzlich guckten 5 neugierige Lamas über den Zaun. Und das in Brockensen! Die Besitzerin dieser Exoten, Ira Johannsen, erklärte mir später am Telefon fröhlich: „Lamas sind doch viel sauberer und pflegeleichter als Schafe, sie machen immer auf eine Stelle! Ich bin eben verrückt nach seltenen Tierarten, so habe ich neben vielen anderen auch noch zwei Hängebauchschweine, saubere, kluge Tiere und schon 15 Jahre alt!“ Auf meine Frage, was sie denn damit anfangen wolle, antwortete sie „Ich will einfach wissen, wie alt Schweine eigentlich werden können!“

Zum Abschluss meiner Dorfwanderung gab es noch eine Überraschung: Ortsbrandmeister Reiner Vespermann führte mich in seinen Garten. Dort hat seine Frau Ria ihre eigene Welt eingerichtet: Deutsche Landgänse, Enten, Hühner und eine Menge Küken werden dort aufgezogen und fanden dort ihr Paradies! Eine selten gewordene Dorfidylle – diese Altenpflegerin hätte auch eine gute Bäuerin abgegeben! Also merke: „Und ist das Dorf auch noch so klein, es kann doch ganz besonders sein!!“

Übrigens: Die Lamas haben mich nicht angespuckt!

 

 

 

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