Bessinghausen

 

„Pork-Power“ – Schwein hat, wer in Bessinghausen wohnt!


Ein Portrait von Wilfried „Fiffi“ Voss

 

            

Ein etwas mulmiges Gefühl hatte ich vor meinem ersten Besuch in Bessinghausen, dem kleinsten der 17 ehemalig selbständigen Dörfer in der Gemeinde Emmerthal. Ganze 51 Einwohner leben heute noch in diesem Dörfchen vor der Hasselburg, dem 265 Meter hohen Bergrücken, durch den sich in wilden Kurven die L425 in Richtung Lauenstein windet. Was kann dort schon los sein, fragte ich mich?

Es gibt nur zwei Straßen im Dorf: Der Teil der Landesstraße im Dorf heißt „Zum Heyerstieg“, die zweite Straße „Unter der Hasselburg“ mit ihren schönen, gepflegten Fachwerkhäusern und modernen Gebäuden, darunter ein sehenswertes Holzhaus, darf man wohl als Haupt- und Lebensstraße bezeichnen.

Der Namenforscher Prof. Dr. Jürgen Udolph fand heraus: 976-979 hieß das Dorf Bettikingahusen (nach einer Abschrift im 15. Jahrhundert). Daraus wurde 1062 Batsingehusen, um 1200 Betzinghusen, 1241 Betxinchusen, Anfang des 14. Jahrhunderts Bessinghusen. „Betiko“ kann als Gründer des Ortes angenommen werden. Im Jahre 1939 lebten in Bessinghausen noch 108 Einwohner, 1946 durch Flüchtlinge und Vertriebene 291, 1961 waren es dann 134, 1972 noch 88 und heute gerade noch 51!

Bessinghausen ist bestimmt eines der kinder- reichsten Dörfer in unserer Republik, denn von den 51 Einwohnern sind zehn Kinder, also 20 Prozent! Wäre das überall so in Deutschland, gäbe es keine Nachwuchssorgen. Als ich dies später im Kreis der munteren Feuerwehrmänner erwähne, lacht einer von ihnen: „Ja, wir haben hier guten Satellitenempfang und sehr fruchtbaren Boden!“

Schon bei früheren Fahrten durch Bessinghausen waren mir vor und im Dorf in den Straßengräben rechts und links der L425 die riesigen Pestwurzkolonien (Winterheliotrop) aufgefallen. Diese Stauden erreichen Höhen von 60 bis zu 100 Zentimetern und gedeihen prächtig auf Lehmboden und an Bachläufen. Mit ihrem kriechenden Wurzelstöcken sind sie tief im Boden verankert und wurzeln manchmal sogar durch die Straßenpflasterung! Im Volksmund werden diese großblättrigen, rhabarberähnlichen Riesenblätter „Heubeckenbläer“ in Platt genannt.

            

Erster Gesprächspartner im Dorf für mich ist der älteste Einwohner und Dorfchronist, der Bauer Fritz-Werner Steinhoff. Seine 160 Morgen hat er schon lange verpachtet. Verwandte aus Esperde haben bei ihm ihre Reitpferde untergestellt und deren Kinder beleben das große Gehöft. Er führt mich auch zum kleinen Friedhof im Wald an der Hasselburg und danach noch höher zum 1923 errichteten Kriegerdenkmal, auf dem die Namen der sieben Gefallenen des 1. Weltkrieges und 19 Gefallenen und Vermissten des 2. Weltkrieges verewigt sind. Danach führt er mich noch zu den Nachbarn Sporleder, dem einzigen landwirtschaftlichen Vollerwerbsbetrieb im Ort. Darauf bewirtschaften Mutter Inge und Sohn Jasper mit einer landwirtschaftlichen Hilfskraft immerhin 175 Hektar, davon 150 Hektar unterm Pflug! Angebaut werden auf fruchtbaren Boden Rüben, Weizen, Roggen und Raps. Eine besondere Augenweide: Die 20 Mutterkühe und zehn Kälber mit ihrem glänzenden rotbraunen Fell, dazu ein prächtiger Bulle (Rasse Deutsch-Angus). Der Viehaustrieb auf der kurvenreichen L425 ist besonders gefährlich, weil immer mehr Motorrad-Pulks (manchmal 20 bis 40) herauf- oder herunterdonnern!

            

Am ersten Wochenende im Juli wird – und das ist eine wirklich schöne Tradition – wieder ein fröhliches Dorffest auf dem Hof Sporleder gefeiert. Diese „Pork-Power“ mit Spanferkel, Salaten und Tanz organisiert Jasper Sporleder. So nebenbei erfahre ich auch noch, dass Inge Sporleder in der Volkshochschule Hameln deutschen Erwachsenen von 19 bis über 60 Lesen und Schreiben beibringt.

„Die kleine Freiwillige Ortsfeuerwehr Bessinghausen lebt in guter Kameradschaft“, berichtet Ortsbrandmeister Heino Linke. Der gebürtige Bessinghausener wohnt zwar jetzt in Kirchohsen. Er ist aber nicht der einzige Auswärtige der insgesamt nur zehn Feuerwehrkameraden. Drei von ihnen kommen aus Harderode, Esperde und Börry, darunter der Ortsbürgermeister Rolf Keller. Diese Männer sorgen alljährlich für das Osterfeuer und treffen sich neben dem erforderlichen Übungsbetrieb alle vier Wochen zu einem gemütlichen Beisammensein im schmucken Feuerwehrhaus, das auch für private Feiern im Dorf benutzt werden darf.

Am Ortsausgang, Richtung Lauenstein, fällt dem aufmerksamen Autofahrer oder Wanderer ein buntes, interessant gestaltetes Grundstück auf. Es gehört der Familie Rennemann. Mit viel Liebe und „grüner Hand“ hat Doris Rennemann dieses sehenswerte, kleine Paradies, sicher auch für ihre sechs Enkelkinder, interessant gestaltet und gepflegt.ççç Es gibt ja in der Nachbarschaft Bessinghausens den witzigen Spruch: „Der Herrgott hat gesagt: In Völkerhausen, da sollt ihr Völker hausen!“ Aber ein anderer, der war mir bisland neu, lautet: „In Bessinghausen, hier soll’n die Besten hausen!“ Ich frage deshalb eine Einwohnerin neugierig: „Wie steht es denn in diesem kleinen Dorf mit der Gemeinschaft?“ Nur zögernd kommt die Antwort: „Sie war schon einmal wesentlich besser.“ Später erfahre ich so nebenbei, dass drei jüngere Querdenkerinnen dieses schmucken Ortes hier ihre eigenen Wege bevorzugen. Tja, auch im kleinsten Dorf wohnen nur Menschen, mit Vorzügen und mit Schwächen. Dabei hätte das hübsche, verträumte Bessinghausen nun wirklich eine besonders gut funktionierende Dorfgemeinschaft verdient, allein der zehn Kinder wegen!

 

 

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