Amelgatzen

 

Vereine, heimische Wirtschaft - und sogar ein Glöckner


Ein Portrait von Wilfried „Fiffi“ Voss

 


              

Nach einer landschaftlich besonders schönen Anfahrt durch die frühlingsgrüne Emmeraue vor dem Schloss und durch das Dorf Hämelschenburg fährt so mancher Autofahrer auf der Landesstraße 431 in Richtung Bad Pyrmont schnell, manchmal auch viel zu schnell, durch das kleine, unscheinbare Dorf Amelgatzen. Gerade das aber war diesmal mein Ziel. Also den Wagen abgestellt und zu Fuß links und rechts dieser Hauptverkehrsstraße, der Amelgatzer Straße, bin ich durch das ganze Dorf gewandert und wurde, wie meistens in den Dörfern unserer Gemeinde, von Vielem überrascht.

Eigentlich ist dieses Dorf dreigeteilt: Das Alt- beziehungsweise Unterdorf links der Amelgatzer Straße, das schmale Zwischenstück rechts der Trasse bis zur viel befahrenen Eisenbahnlinie Hannover-Altenbeken, dahinter hinauf zum Hügel das Oberdorf. Hier sind erst nach dem Zweiten Weltkrieg die verschiedenen Siedlungen entstanden und weitere werden dort entstehen. Denn auf dem ehemaligen Reseschen Fabrikgelände sollen noch 28 Bauplätze angeboten werden.çççNach dem Namenforscher Prof. Dr. Jürgen Udolph veränderte sich der Ortsname im Laufe der Jahrhunderte von Almagateshusun (993-996), 1146 in Amelgoteshem, 1188 Amelgozen, später dann zu Amelgatzen. 1939 wurden in Amelgatzen nur 393 Einwohner gezählt, 1946 waren es 735, 1961 sogar 751, heute hat es 534 Einwohner. Die drei Dörfer Amelgatzen, Hämelschenburg und Welsede bilden in Emmerthal eine Ortschaft, deren Ortsbürgermeister Klaus Hinke wohnt in Amelgatzen.

„Unser Dorf hat den ganzen Tag über Sonne, wenn sie nicht von Wolken verdeckt wird“, meinte schmunzelnd ein Altbürger zu mir. An der Emmer traf ich auch gleich drei „walkende Grazien“ aus dem Dorf, die mich mit einer alten Sage überraschten. Es sollen in grauer Vorzeit die Riesen von der Kreseburg am Scharfenberg und gegenüber andere Riesen von der Hünenburg aus mächtige Gesteinsbrocken in das Tal geschleudert haben. Dadurch soll die Emmer ihr endgültiges Flussbett gefunden haben.

Über die kühn geschwungene, als Ersatz für die alte Holzbrücke 1970 gebaute Emmerbrücke kommen Radfahrer oder Wanderer am Sportplatz der Sportfreunde Amelgatzen und Umgebung vorbei. Vor dem kleinen Vereinsheim liegen das Fußballfeld und zwei Tennisplätze, von denen nur noch einer benutzt wird. Der zweite soll zu einem Boule-Platz umgewandelt werden. Die Amelgatzer Fußballer halten einen guten Mittelplatz in der 1. Kreisklasse. Um den Nachwuchs besorgt hat der Verein sogar eine „Pampersliga“ aufgestellt, in der schon sogar Dreijährige dem runden Leder nachlaufen. Außerdem besteht noch eine Wandersparte.

An Vereinen besteht in Amelgatzen durchaus kein Mangel. Das traditionelle Altdorffest findet in diesem Jahr am 2. und 3. Juli statt. Die Vereine und Gäste aus Gellersen, Hämelschenburg und Welsede werden traditionsbewusst wie immer daran teilnehmen. Die Amelgatzer „Gemeinschaft zur Brauchtumspflege (GzB)“ unter der Leitung von Marita Rohlfing ist mit ihren 22 Mitgliedern sicher aktiv dabei. Nach der Frühjahrs-Baumpatenaktion steht nach dem Altdorffest in diesem Herbst noch das Erntefest, diesmal mit Gottesdienst und anschließendem gemeinsamen Frühstück auf dem GzB-Programm! Ortsbrandmeister Renee Mitschke übt mit seinen 35 Aktiven zwei Mal im Monat für den Ernstfall. Selbstverständlich beteiligt sich die Freiwillige Feuerwehr auch aktiv bei allen anderen örtlichen Veranstaltungen.

                 

Von im vorigen Jahrhundert noch vorhandenen 13 eigenständigen Bauern (und zwei Kuhbauern!) blieben nur noch zwei landwirtschaftliche Vollerwerbsbetriebe übrig: Landwirtschaftsmeister Hans-Heinrich Rohlfing bewirtschaftet zusammen mit seinen zwei Söhnen rund 300 Hektar, daneben die Milchwirtschaft mit seinen „Schwarz-Weißen“! Nebenbei ist er auch Vorsitzender der Forstgenossenschaft (69 Anteile) mit rund 100 Hektar Wald.

Den zweiten landwirtschaftlichen Betrieb hält Ludwig Heißmeyer zusammen mit seinem Sohn. Seine 18 Schottischen Hochlandrinder grasen zufrieden das ganze Jahr auf seinen Weiden vor Gellersen. Diese braunen, zottigen, robusten, langlebigen Tiere liefern das von Meisterköchen schon lange bevorzugte delikate Rindfleisch. Ludwig Heißmeyer schmunzelte: „Kein Mist, keine Jauche, pflegeleicht, immer draußen!“ Er sieht die Zukunft für die kleineren Landwirte so: „Näher ran an die Verbraucher, zum Beispiel durch Eier- und Fleischverkauf und, wenn möglich, noch den Fremdenverkehr im schönen Weserbergland mit ausnutzen!“

Ja, und dann gibt es in Amelgatzen noch einen „Glöckner“, nicht den von Notre Dame, aber den für den Amelgatzer Glockenturm am Spielplatz im Oberdorf. Glöckner Erich Röttger schwingt seine 1968 aufgestellte Glocke sonntags um neun Uhr, eine Stunde vor dem Gottesdienst in Hämelschenburg. Jeden Sonnabend wird um 18 Uhr der Sonntag eingeläutet, bei Beerdigungen um 11 Uhr, und für jeden neuen Erdenbürger um 15 Uhr. So nebenbei ist dieser Glöckner auch noch der Vorsitzende des Angelvereins. Von deren 43 Mitgliedern angeln in der Emmer noch 20! Aber alle schimpfen gemeinsam über den nachlassenden Fischbestand seit dem Bau des Schiederstausee-Damms.çççWeit über die Dorfgrenzen hinaus sind die „Amelgatzer Sternchen“ und das „Jugend-Rotkreuz“ bekannt. Zu den „Sternchen“: Ihr Vorsitzender Uwe Klingeberg und seine Chorleiterin Monika Pawlis bieten dem jungen musikalischen Nachwuchs in Amelgatzen und weit darüber hinaus musikalische Früherziehung mit Orffschen Instrumenten, Conga und Bonjo, sowie mit Glockenspielen. Außerdem erteilen sie Gitarren- und Blockflötenunterricht und arrangieren sehenswerte Theateraufführungen, alles nach ihrem Motto: „Musik und Theater machen intelligent, sozial kompetent, kreativ und selbstbewusst!“

 Für das nächste Jahr steht „Tuishi Pamoja“, eine Freundschaft in der Savanne, auf ihrem Programm. Zebras, Giraffen, Erdmännchen und andere sollen die Zuschauer begeistern.

Edeltraud Honka, Vorsitzende des DRK-Ortsvereins, berichtet stolz von 162 Mitgliedern. Neben ständiger Wettbewerbsteilnahme auf Kreis-, Bezirks- und Landesebene veranstaltet das DRK alle vier Wochen einen Seniorennachmittag. Der jugendliche Nachwuchs wird von Vanessa Melde geleitet. Seit 1973 sind die Jugendlichen in vier Altersgruppen (6-8, 9-11, 12-14, und 15-18 Jahre) eingeteilt und werden dementsprechend ausgebildet. Ein Höhepunkt beim Ortsverein war 2009 der Gewinn des Lidl-Wettbewerbs mit dem Motto „Generationen verbinden“ und einer Dotierung von 1000 Euro.çççÜber die Ungewissheit mit den Räumlichkeiten in der „Verlässlichen Grundschule Amelgatzen“, die sowohl die Räume der „Sternchen“, des MGV und Frauenchores und das Jugend-Rotkreuz betreffen, wird ja zurzeit laufend in der Dewezet berichtet. Im Interesse der aktiven Amelgatzer Vereine bleibt nur zu wünschen, dass die Politik auch für alle ihre doch so aktiven Amelgatzer eine „verlässliche“ Lösung finden wird.

Zum Schluss bin ich noch einmal langsam durch die Amelgatzer Hauptstraße, Richtung Hämelschenburg, gefahren, vorbei am leeren Autohof, dem aktiven Natursteinwerk, der Dachdeckerei Wolf und der Traditionsgaststätte „Zum Schweren Dragoner“ mit seinem „Grand Casino“, wo in Zukunft nun ein jeder Einwohner dieses Dorfes sein „großes Glück“ machen kann.

 

 

 

 

 

 

 

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